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Aktuelle Informationen und Neuigkeiten rund um das Thema

" Häusliche Betreuung / Pflege alter sowie altersverwirrter,
   demenzkranker und sonst psychisch  belasteter älterer Menschen
"



 

 

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz logotype

 

„Demenz. Die Vielfalt im Blick“
Welt-Alzheimertag

 

Am 21. September ist Welt-Alzheimertag

Am 21. September ist Welt-Alzheimertag.

2017 steht dieser Tag in Deutschland unter dem Motto „Demenz. Die Vielfalt im Blick“. Weltweit und auch überall in Deutschland finden rund um den Welt-Alzheimertag und in der „Woche der Demenz“ vielfältige Aktionen statt, um auf die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen aufmerksam zu machen.

Demenz hat viele Formen und Gesichter.
Meist erkranken Menschen erst im höheren Alter an einer Demenz, manchmal beginnt die Krankheit jedoch schon viel früher, während der Berufstätigkeit.
Die Symptome und die Auswirkungen verändern sich im Verlauf der Krankheit. Menschen mit einer beginnenden Demenz sind meist noch weitgehend selbstständig, haben viele Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten.

Wenn die Demenz fortschreitet, benötigen die Betroffenen immer mehr an Unterstützung – sei es durch Angehörige, ehrenamtliche Helferinnen oder professionell Pflegende.

“Wir möchten, dass Menschen mit Demenz unabhängig von ihrem Krankheitsbild und ihrem Hintergrund ein gutes Leben führen können.

Die Menschen und ihre Angehörigen sind unterschiedlich, die Lebenssituationen sind vielfältig.
Deshalb braucht es individuelle und gute Angebote und Strukturen und wir müssen uns auch auf bestimmte Personengruppen einstellen wie z.B. Menschen, die einen Migrationshintergrund haben“ so Monika Kaus, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

Mit Förderung durch das BMFSFJ schaltet die Gesellschaft am 21. September 2017 eine Internetseite online, die sich speziell an Menschen mit Migrationshintergrund richtet. Sie bietet einen Überblick über spezielle Angebote für diese Gruppen und bietet Informationen in türkischer, russischer und polnischer Sprache an.


Auch wenn die Öffentlichkeit mehr als in der Vergangenheit zum Krankheitsbild sensibilisiert ist und durch die umfassende Reform der Pflegeversicherung auch politisch einiges passiert ist, gibt es angesichts der immer noch wachsenden Zahl von Demenzkranken bei gleichzeitigem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal noch viel zu tun.

Angesichts der nahen Bundestagswahl fordert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft deshalb eine Nationale Demenzstrategie, um diese Herausforderung gemeinsam zu bewältigen.
Dazu sagt Monika Kaus: „In der Nationalen Allianz für Menschen mit Demenz haben viele Akteure in den letzten Jahren gut zusammen gearbeitet. Diese Initiative muss nun ab 2018 in eine nationale Demenzstrategie münden. Wir erwarten – unabhängig davon wer die Wahl gewinnt -, dass dieses Vorhaben sich in einem Koalitionsvertrag wiederfindet.“
"Für die Vorbeugung von Alzheimer und den richtigen Umgang mit demenziellen Erkrankungen braucht es unbedingt mehr innovative Forschung!

Anstatt verzweifelt auf den ganz großen Wurf der Pharmaindustrie zu warten, ist es wichtiger die kreative Forschung außerhalb kommerzieller Bahnen zu fördern, denn dort können die wirklich neuen Ideen und Forschungsansätze gedeihen, die wir brauchen", so David Sieveking der neue Schirmherr der Hirnliga e. V. der Vereinigung der deutschen Alzheimer-Forscher.

Der Autor und Filmregisseur weiß aus eigener Erfahrung, welche Herausforderungen eine Alzheimererkrankung für eine Familie bedeutet. Sein prämierter Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht – Wie meine Mutter ihr Gedächtnis verlor und meine Eltern die Liebe neu entdeckten“ zeigt dies eindringlich.


„Die wichtigste Leistung der klinischen Alzheimerforschung der vergangenen Jahre besteht darin, dass die Alzheimererkrankung heute bereits im Stadium einer leichten kognitiven Störung diagnostiziert werden kann, deutlich bevor die geistigen Fähigkeiten stark eingeschränkt sind und eine Demenz vorliegt“, so PD Dr. Oliver Peters, Berlin, vom Vorstand der Hirnliga e.V.

„Durch erhebliche Fortschritte in der Frühdiagnostik der Alzheimererkrankung ist es jetzt möglich, neue Therapieansätze, die darauf abzielen den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, viel früher beginnen zu lassen als dieses in der Vergangenheit möglich war. Ein früher Behandlungsbeginn erscheint notwendig, weil alle Versuche die Erkrankung im Stadium der Demenz zu stoppen gescheitert sind. Den Wirksamkeitsnachweis des frühen Behandlungsbeginns sollen gegenwärtig laufende klinische Studien erbringen, deren Ergebnisse ausstehen.“


„Psychisch kranke Ältere und Menschen mit Demenz werden noch immer unzureichend versorgt; dabei bleiben in allen Stadien der Erkrankung Möglichkeiten und Chancen ungenutzt.
Die Chancen der Diagnostik, am Beginn der Erkrankung reversible (umkehrbare) Erkrankungsursachen zu erkennen und zu behandeln oder spezifische Formen der Demenzerkrankungen besser zu behandeln.
Die Möglichkeit, Angehörige optimal zu beraten und zu unterstützen, um so eine möglichst nachhaltige Pflege zu Hause zu ermöglichen.

Für Patienten mit Demenz in Pflegeheimen (etwa die Hälfte der Demenzpatienten in Deutschland) fehlt zu oft ausreichendes und speziell geschultes Pflege- und Behandlungspersonal, um freiheitsentziehende Maßnahmen oder den Einsatz von Psychopharmaka (Neuroleptika) zu vermeiden“, so der Sozialmediziner und Alterspsychiater Prof. Dr. Dr. Michael Rapp, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V.

„Die Versorgungsforschung hat hier Potentiale und Hindernisse im Versorgungsalltag identifiziert: Alle mit der Versorgung und Behandlung von Menschen mit Demenz befassten Berufsgruppen (Ärzte, Pflegepersonal, Ergotherapeuten u.a.) müssen gestärkt und gefördert werden, um das bestehende Fachwissen in hinreichender Qualität für die Patienten umzusetzen. Nur so können wir diese Chancen in der Zukunft nutzen und die Herausforderungen des demografischen Wandels angehen.“

Hintergrund:
Seit 1994 findet jeweils am 21. September der Welt-Alzheimertag statt, der von der Dachorganisation Alzheimer’s Disease International (ADI) mit Unterstützung der WHO initiiert wurde, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Alzheimer-Krankheit und andere Formen der Demenz-Erkrankungen zu richten.

Kontaktadressen:
Hirnliga e.V. - Geschäftsstelle
Tel.: 02262 / 999 99 17
www.hirnliga.de
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz
Tel.: 030 - 259 37 95 0
www.deutsche-alzheimer.de
www.demenz-partner.de
Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie e.V.
Tel.: 02262 / 79 76 83
www.dggpp.de

Heute leben in Deutschland etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen. 
Ungefähr 60% davon leiden an einer Demenz vom Typ Alzheimer. 
Die Zahl der Demenzkranken wird bis 2050 auf 3 Millionen steigen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt.

 

 

Quelle: Pressemitteilung, 19.09.2017

 

 

Huml wirbt für mehr Offenheit im Umgang mit Demenzkranken –
Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin zum Welt-Alzheimertag am 21. September

Anlässlich des Welt-Alzheimertages am 21. September hat Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml zu mehr Offenheit im Umgang mit Demenzkranken aufgerufen.
Huml betonte am Sonntag: "Demenz ist eine der folgenschwersten Alterskrankheiten. Der Verlust geistiger Fähigkeiten ist auch für die Angehörigen eine enorme Belastung.

Doch obwohl immer mehr Menschen betroffen sind, fällt es vielen nach wie vor schwer, offen darüber zu sprechen. Mein Ziel ist es deshalb, die Gesellschaft zu sensibilisieren und für mehr Verständnis zu sorgen."

Die Ministerin verwies darauf, dass am 20. September der dritte Bayerische Fachtag Demenz im oberfränkischen Lichtenfels stattfindet. Unter dem Motto "Miteinander-Mittendrin" wird dort die Teilhabe von Betroffenen und Angehörigen am gesellschaftlichen Leben im Mittelpunkt stehen. Zu dem Fachtag eingeladen hat das bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium.

Huml unterstrich: "Mein Anliegen ist es, Menschen mit Demenz in die Mitte der Gesellschaft zu holen und ihnen eine Teilhabe am täglichen Leben zu ermöglichen. Dafür brauchen wir einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. Mit zahlreichen Maßnahmen aus der Bayerischen Demenzstrategie treiben wir diesen Wandel voran."

Im Rahmen der im Jahr 2013 ins Leben gerufenen interministeriellen Bayerischen Demenzstrategie fördert das bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium bereits eine Vielzahl von erfolgreichen Projekten für Betroffene und Angehörige. Da die Demenz alle Lebensbereiche betrifft, fördern auch andere bayerische Ministerien Projekte für Menschen mit Demenz.

Die Ministerin erläuterte: "Unsere Demenzstrategie deckt insgesamt zehn Handlungsfelder ab. Wir setzen mit dieser Strategie alles daran, die Lebensqualität von Betroffenen und ihren häuslich Pflegenden zu verbessern und eine angemessene Betreuung, Pflege und medizinische Versorgung sicherzustellen. Entscheidend ist, dass die Würde und Selbstbestimmung der Betroffenen in allen Phasen der Erkrankung bewahrt bleiben."

In Deutschland leben gegenwärtig fast 1,6 Millionen Menschen mit Demenz, wobei jährlich etwa 300.000 Neudiagnosen hinzukommen. In Bayern sind aktuell rund 230.000 Menschen von Demenz betroffen.
Etwa 70 Prozent der Erkrankten sind Frauen. Aufgrund der demografischen Veränderungen kann bis 2020 von einem Anstieg auf rund 270.000 Demenzkranke ausgegangen werden.
Bis 2032 werden in Bayern voraussichtlich circa 340.000 an Demenz erkrankte Menschen leben, wenn es keinen Durchbruch in der Therapie gibt.

Weitere Informationen zur Bayerischen Demenzstrategie sowie zu verschiedenen Unterstützungsangeboten für Betroffene und deren häuslich Pflegende sind zu finden unter www.leben-mit-demenz.bayern.de.

Quelle: Pressemitteilung, 17.09.2017
   

 

Huml: Menschen mit Demenz gehören in die Mitte der Gesellschaft –
Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin wirbt für mehr Verständnis für Betroffene und Angehörige

Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml wirbt für mehr Verständnis für demenzkranke Menschen. Huml betonte am Sonntag: "Die Diagnose Demenz darf nicht bedeuten, dass sich Betroffene aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Vielmehr kommt es darauf an, dass Erkrankten ein Leben in der Mitte der Gesellschaft ermöglicht wird."

Die Ministerin ergänzte: "Vielen Betroffenen, aber auch Angehörigen fällt es schwer, offen über die Krankheit zu sprechen. Mein Ziel ist es deshalb, die Gesellschaft zu sensibilisieren und für mehr Akzeptanz zu sorgen. Die Wanderausstellung des bayerischen Gesundheitsministeriums 'Was geht. Was bleibt. Leben mit Demenz' richtet sich an Personen, die bisher noch wenig Kontakt mit Demenzkranken hatten. Sie soll Verständnis für Menschen mit Demenz wecken."

Seit April vergangenen Jahres tourt die Ausstellung durch Bayern. Sie kann kostenfrei ausgeliehen werden. Huml erläuterte: "Die Ausstellung findet erfreulicherweise so großen Anklang, dass ich eine zweite identische Ausstellung in Auftrag gegeben habe, die ab Juli dieses Jahres ebenfalls durch Bayern reist."

In Bayern leben derzeit rund 230.000 Menschen mit Demenz. Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl bis 2020 auf rund 270.000 und bis 2032 auf 340.000 Erkrankte erhöhen wird, falls kein Durchbruch in der Therapie erfolgt.

Die Ministerin unterstrich: "Mit Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs seit Anfang 2017 erhalten Menschen mit Demenz endlich die gleichen Leistungen wie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Auf dieser Grundlage können alle Pflegebedürftigen gleichermaßen vom flexiblen Leistungsspektrum der Pflegeversicherung profitieren. Die bisherigen drei Pflegestufen wurden durch fünf Pflegegrade ersetzt. Ausschlaggebend ist, wie selbständig der Pflegebedürftige seinen Alltag noch bewältigen kann. So orientieren sich die Pflegeleistungen jetzt stärker an den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen. Für die Pflege in unserem Land ist das ein Meilenstein!"

Die Ministerin fügte hinzu: "Wichtig ist jetzt, dass die Änderungen möglichst reibungslos in der Praxis umgesetzt werden. Hier sind die Pflegekassen und die Sozialhilfeträger gefragt."

Ab Mitte 2018 ist die Wanderausstellung "Was geht. Was bleibt. Leben mit Demenz" noch an einzelnen Terminen buchbar unter https://www.stmgp.bayern.de/ministerium/oeffentlichkeitsarbeit/#Leben-mit-Demenz.


Quelle:
Pressemitteilung Bayer. Staatsministerium für Gesundheit und Pflege,11.06.2017


Ginkgo biloba wirkt auch bei Demenz

Es gibt eine eindeutige Evidenz dafür, dass Ginkgo-biloba-Extrakt bei milden kognitiven Störungen sowie bei Demenz wirkt.

Von Thomas Meissner

WENZHOU. Ginkgo-biloba-Extrakte werden ja seit langem bei kognitiven Funktionsstörungen angewendet. Erstmals jedoch haben chinesische Wissenschaftler systematisch Metaanalysen und Reviews aus insgesamt sechs Datenbanken ausgewertet, um die Frage zu beantworten, inwiefern tatsächlich Nachweise vorliegen, wonach mit dem Pflanzenextrakt kognitive Funktionen und Symptome bei Demenz vom Alzheimer- und vom vaskulären sowie gemischten Typ verbessert werden können.

Die Antwort von Dr. Hong-Feng Zhang von der Wenzhou Medical University in Wenzhou und seinen Kollegen lautet: Ja, die Nachweise liegen vor. Aber diese Evidenz gelte nur für den Ginkgo-biloba-Extrakt EGb 761 und nur für hohe Dosen von 240 mg pro Tag (Front Aging Neurosci 2016, 8: 276).

Zhang und Mitarbeiter hatten im Web of Science, bei Pubmed sowie in vier chinesischen Datenbanken nach systematischen Reviews und Metaanalysen gesucht und aus knapp 200 Treffern zehn relevante Studien selektiert, die zwischen 2010 und 2015 publiziert worden waren.

Diese klopften sie mit einer etablierten Skala auf ihre methodische Qualität ab. Acht Studien erhielten fünf von sieben möglichen Punkten, die anderen nur vier und drei Punkte. Die Wissenschaftler kritisieren, dass zwei methodisch gute randomisierte Studien aus Deutschland (Neurosci Med 2011; 2: 48-56) und Russland (Int J Geriatr Psychiatry 2014; 29: 1087-1095) bislang in keinem Review berücksichtigt worden seien.

Darin war doppelblind und Placebo kontrolliert nachgewiesen worden, dass sich neuropsychiatrische Symptome bei Patienten mit milden und sehr milden kognitiven Beeinträchtigungen unter der Ginkgo-Therapie bessern, ebenso wie die Lebensqualität. Die Verträglichkeit des Extrakts war ebenso gut wie unter Placebo. Nach Auffassung der chinesischen Neurologen bedarf es keiner zusätzlichen Studien mehr, um die Therapie mit Ginkgo EGb 761 (enthalten in Tebonin®) bei Patienten, deren Diagnosekriterien dem DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual der American Psychiatric Association) entsprechen, zu untermauern.

Ob die Einnahme von Ginkgo durch gesunde Menschen präventiv wirksam ist, bleibt aufgrund unzureichender Daten offen. Diese Frage bedürfe noch weiterer Studien in verschiedenen Altersgruppen sowie entlang anerkannter diagnostischer Kriterien, so die Forscher.


Quelle: Aerztezeitung, 06.03.2017


Urteil zu Betreuung

Nicht ohne Anhörung

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass psychisch Kranke vor einer Entscheidung zu ihrer Betreuung persönlich angehört werden müssen.

Von Martin Wortmann

KARLSRUHE. Gerichte dürfen altersverwirrte oder psychisch kranke Menschen nicht quasi blind unter Betreuung stellen. Die Betroffenen müssen immer persönlich angehört werden, wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zugunsten einer psychisch kranken Frau entschieden hat.

Für die erfolgreiche Beschwerdeführerin hatte Ende 2010 das Amtsgericht Lübeck eine vorläufige Betreuung angeordnet. Zuvor hatten die Lübecker Richter die psychisch kranke Frau auch umfassend angehört.

Als sie längerfristig in eine Klinik in Hamburg kam, war nun das Amtsgericht Hamburg-St. Georg zuständig. Der bereits von den Lübecker Richtern eingesetzte Betreuer beantragte dort im Juni 2011 eine Verlängerung.

Dem gab das Hamburger Amtsgericht statt, ohne die Frau anzuhören. Damit war die Frau nicht einverstanden. Sie beschwerte sich mit einem eigenhändig geschriebenen Brief an das Amtsgericht: Sie habe sich ein soziales Unterstützernetz aufgebaut und wolle nach Abschluss ihrer Klinikbehandlung ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen.

Dennoch verlängerte das Amtsgericht Hamburg-St. Georg Ende August 2011 die Betreuung erneut, wiederum ohne die Frau anzuhören. Nach einem von ihr beantragten Eilgutachten war eine Betreuung allerdings nicht mehr gerechtfertigt. Weil der Betreuer einen weiteren Verlängerungsantrag nun gar nicht mehr stellte, lief die Betreuung Ende Oktober 2011 aus.

Das Hamburger Landgericht bewertete das Vorgehen des Amtsgerichts zwar als fehlerhaft. Der Verfahrensfehler sei aber "nicht gravierend" und im Ergebnis nicht entscheidend gewesen. Demgegenüber stellte nun das Bundesverfassungsgericht fest, dass das Amtsgericht die Frau in ihren elementaren Persönlichkeitsrechten und zudem auch ihr Recht auf rechtliches Gehör verletzt hat. Zur Begründung betonten die Karlsruher Richter, die Betreuung sei ein "tiefer Eingriff" in die eigene Selbstbestimmung.

Daher sei "eine persönliche Anhörung durch das Betreuungsgericht grundsätzlich unverzichtbar". Dies sei auch erforderlich, um das rechtliche Gehör der Betroffenen zu sichern. "Die persönliche Anhörung darf nur im Eilfall bei Gefahr im Verzug vorläufig unterbleiben, ist dann aber unverzüglich nachzuholen", heißt es in dem Urteil.

Eine solche Ausnahme liege hier aber nicht vor. Die Verlängerung der Betreuung ohne Anhörung der Frau sei daher rechtswidrig gewesen. Im Jahr 2014 gab es 1,3 Millionen Betreute in Deutschland, 1,6 Prozent der Bevölkerung.

Az.: 1 BvR 184/13

Quelle: Aerztezeitung, 13.05.2016
   


Demenz

Haftpflicht-Versicherer kann Leistung verweigern

Eine Demenz muss dem Haftpflichtversicherer meist nicht gemeldet werden. Bei einem Schaden kann dieser aber die Leistung versagen.

Frage: Muss ich die Demenzerkrankung meines Vaters bei seinem Haftpflichtversicherer anzeigen, oder ist das nicht sinnvoll?

Antwort: Die meisten Haftpflichtversicherer klassifizieren die Demenz nicht als anzeigepflichtig ein, das heißt die Kunden müssen sie nicht über die Diagnose informieren. Da Demenzerkrankungen aber Auswirkungen auf die Geschäfts- und Haftungsfähigkeit der Patienten haben, sollten die Policen frühzeitig auf Ausschlüsse überprüft werden, empfiehlt Bärbel Schönhof, die zweite Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

Der Verzicht auf eine Anzeigepflicht nutze vor allem dem Versicherer. "Versicherungsunternehmen kassieren weiter die Prämien, lehnen eine Zahlung im Schadenfall aber ab, mit der Begründung der Deliktunfähigkeit des Versicherten."

Schönhof empfiehlt Patienten oder ihren Angehörigen, Kontakt mit dem Versicherer aufzunehmen und Sonderregelungen zu vereinbaren. "Wer bei seinem Versicherer nachfragt, kann in vielen Fällen für ein paar Euro mehr im Jahr Deliktunfähigkeit mitversichern", sagt sie.

Eine solche Ergänzung kann nach ihrer Erfahrung auch sinnvoll sein, um bei Patienten, die zuhause gepflegt werden, das gute Verhältnis zu den Nachbarn nicht zu gefährden. Das kann leicht passieren, wenn der Demenzkranke einen Schaden anrichtet, der Nachbar aber keinen Anspruch auf Schadenersatz hat.

Die Haftpflichtversicherung sollte auch dann nicht gekündigt werden, wenn der Versicherer keine Zusatzoption anbietet oder Kunden den Aufpreis nicht zahlen wollen, so Schönhof. Denn zu der Deckung gehört auch, dass der Versicherer unberechtigte Ansprüche auf eigene Kosten abwehren muss.


Quelle: Aerztezeitung, 10.02.2016

 

Neue Leitlinie

Demenz ist behandelbar

BERLIN. Die Versorgung von an einer Demenz erkrankten Menschen liegt im Argen. Jeder zweite wird nicht als demenzkrank erkannt, noch weniger erfährt eine Behandlung nach medizinischen Standards. Darauf haben Ärzte und Psychotherapeuten am Mittwoch in Berlin hingewiesen.

Anlass war die Vorstellung der aktuell überarbeiteten S 3-Leitlinie "Demenzen". Vertreter der federführenden Fachgesellschaften - der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie der deutschen Gesellschaft für Neurologie4 (DGN) - forderten die Ärzte auf, wissenschaftlich belegte Therapieoptionen stärker zu nutzen.

Die Aussage, gegen eine Demenz lasse sich nichts machen, sei falsch, sagte Professor Richard Dodel aus Marburg. In Deutschland leben etwa 1,5 Millionen Menschen mit einer Demenz.

Ihre Behandlung kostet rund neun Milliarden Euro im Jahr.

 

Ginkgo-Extrakt in S3-Leitlinie aufgenommen

Die Leitlinie "Demenzen" wurde überarbeitet. In die Therapieempfehlungen wurde der Ginkgo biloba Spezialextrakt EGb 761® aufgenommen.

BERLIN. Über fünf Jahre hatten 23 medizinische Gesellschaften, Berufsverbände und Organisationen unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) die Therapieoptionen bei Demenzen wissenschaftlich ausgewertet.

Die überarbeitete Leitlinie der höchsten methodischen Qualitätsstufe (S3) formuliert auf knapp 130 Seiten über 90 Schlüsselempfehlungen zu prioritären Versorgungsfragen, teilt das Unternehmen Dr. Willmar Schwabe mit.

Eine wichtige Neuerung der überarbeiteten "S3-Leitlinie Demenzen", die vor Kurzem in Berlin vorgestellt wurde: Die Verwendung des Ginkgo biloba Extrakts EGb 761® wurde in die Reihe der Therapiemöglichkeiten bei leichter bis mittelschwerer Demenz aufgenommen (S3-Leitlinie "Demenzen", Langversion - Januar 2016).

 Die von den beteiligten Experten einstimmig gegebene Empfehlung beruht auf neuen Studien zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit.

Die Empfehlung betrifft ausdrücklich nicht alle Ginkgo-Präparate, sondern explizit den Spezialextrakt EGb 761® (Tebonin®), mit dem die neuen klinischen Studien gemacht wurden. Je nach Herstellungsprozess können sich Ginkgo-Produkte stark unterscheiden. Daher sind sie nicht untereinander austauschbar.

Untersucht wurde eine Dosierung von einmal täglich einer Filmtablette mit 240 mg. Nur bei dauerhafter Einnahme dieser Dosierung konnte die Wirkung nachgewiesen werden. Bei Patienten bessert die regelmäßige Einnahme Konzentration, Gedächtnis und seelische Veränderungen wie Reizbarkeit oder Niedergeschlagenheit. Sie können so den Alltag wieder besser bewältigen, und die Belastung für die Angehörigen wird gemindert.

Quelle: Ärztezeitung, 27.01./ 08.02. 2016


Angehörige einbeziehen!

Die häusliche Pflege von Angehörigen kann für Familien zur Zerreißprobe werden - angesichts steigender Zahlen von Demenzerkrankungen ein wichtiges Thema in der Versorgung.

MÜNCHEN. Die Zahl der an Demenz erkrankten Patienten in Deutschland wird sich von aktuell 1,4 Millionen bis 2050 auf schätzungsweise drei Millionen mehr als verdoppeln.

Zugleich wird die Zahl der Menschen, die für die Pflege von Demenzkranken zur Verfügung stehen werden, aufgrund der demografischen Entwicklung jedoch eher zurückgehen, prognostiziert Professor Martin Dichgans vom Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Klinikum der Uni München.

Schon jetzt werden etwa 70 Prozent der Demenzkranken von Angehörigen zu Hause gepflegt. Auch deshalb werden pflegende Angehörige als Deutschlands größter Pflegedienst bezeichnet.

Damit nicht genug: Angesichts der damit verbundenen physischen und psychischen Belastungen sollten pflegende Angehörige als "der zweite unsichtbare Patient" wahrgenommen werden, erklärte Professor Peter Kolominsky-Rabas vom Interdisziplinären Zentrum für Health Technology Assessment und Public Health (IZPH) der Universität Erlangen-Nürnberg bei einer Fachtagung der Hanns-Seidel-Stiftung zur Versorgung von Demenzkranken und ihrer pflegenden Angehörigen in München.

"Wir haben Alzheimer"

Das werde auch von vielen Angehörigen so gesehen, berichtete der Neurologe und Chefarzt der Schön Klinik in Bad Aibling Dr. Friedemann Müller. Viele Angehörige sagten beim Aufnahmegespräch für eine stationäre Rehabilitation: "Wir haben Alzheimer", berichtete Müller.

Angesichts der absehbaren Entwicklung haben im Oktober vergangenen Jahres 26 Mitgliedsorganisationen der Europäischen Alzheimer Gesellschaft die Glasgow Deklaration verabschiedet, in der alle europäische Staaten aufgefordert werden, nationale Demenzstrategien zu entwickeln. Demenz müsse als zentrales Thema der Gesundheitspolitik anerkannt werden. Und es sollten entsprechende Aktionspläne entwickelt werden, berichtete Kolominsky-Rabas.

Nationale Aktionspläne entwickeln

Mehrere europäische Staaten sind dem Aufruf gefolgt und entwickeln nationale Aktionspläne. Deutschland gehöre allerdings nicht dazu, bedauerte Kolominsky-Rabas. Eine Ausnahme sei allerdings Bayern, wo bereits 2013 begonnen wurde, eine Demenzstrategie aufzustellen und die Versorgungsforschung in diesem Bereich zu intensivieren.

Im Auftrag und mit Unterstützung des Bayerischen Gesundheitsministeriums wurde im Februar dieses Jahres der Bayerische Demenz Survey gestartet, mit dem die Versorgungssituation von Menschen mit Demenz und deren pflegende Angehörige im häuslichen Bereich untersucht wird.

Dazu werden Betroffene in den Städten und Landkreisen Dachau, Erlangen und Kronach in mehreren Wellen bis Ende 2016 in ausführlichen persönlichen Interviews befragt.Inzwischen liegen bereits erste Ergebnisse vor. Demnach sind Menschen mit Demenz im Durchschnitt 76 Jahre alt, zu 54 Prozent weiblich und leben in 60 Prozent der Fälle mit einem Partner zusammen.

Demgegenüber sind die pflegenden Angehörigen im Durchschnitt 63 Jahre alt, zu 60 Prozent weiblich und in einem Drittel der Fälle (noch) berufstätig. Drei Viertel der pflegenden Angehörigen leben im gleichen Haushalt wie der Demenzkranke.

In 60 Prozent der Fälle übernehmen Angehörige die täglichen Einkäufe, kümmern sich um finanzielle Angelegenheiten oder um die Einnahme von Medikamente. In jeweils etwa 40 Prozent müssen die Demenzerkrankten beaufsichtigt und vor gefährlichen Situationen bewahrt sowie bei der Körperpflege und bei der Essenseinnahme unterstützt werden.

40 Prozent der pflegenden Angehörigen geben an, dass sie sich dadurch stark oder mittelstark belastet fühlen, wobei von Kindern die Belastung durch die Betreuung als deutlich größer angegeben wird als von den Partnern des Demenzkranken. Der Grund: Zwei Drittel der pflegenden Kinder sind berufstätig und leben oftmals auch nicht im gleichen Haushalt.

Oft vergehen mehrere Jahre

Darüber hinaus zeigen erste Ergebnisse der Befragung, dass nur etwa ein Viertel bis ein Fünftel der pflegenden Angehörigen innerhalb von drei Monaten nach der Diagnosestellung Informationen über weitere Unterstützungsmöglichkeiten oder über Beratungsstellen vor Ort erhalten hatten.

Ein Problem sei auch, dass zwischen den ersten wahrgenommenen Symptomen bis zur Diagnosestellung im Durchschnitt mehr als zwei Jahre vergehen, berichtete Kolominsky-Rabas. Durch eine frühere Diagnose könnten therapeutische und pflegerische Maßnahmen besser organisiert und die Pflegenden durch einen besseren Umgang mit den Krankheitssymptomen entlastet werden.

Notwendig sei aber auch eine Stärkung der hausärztlichen Versorgung und eine bessere Begleitung der pflegenden Angehörigen über den gesamten Krankheitsverlauf.


Quelle: Aerztezeitung, 13.11.2015   

 

Bundesliga-Rekordschütze

Gerd Müller hat Alzheimer

Gerd Müller, einstiger "Bomber der Nation" und Rekord-Torschütze der Fußball-Bundesliga, ist an Alzheimer erkrankt. Das gab sein langjähriger Verein FC Bayern München bekannt.

Gerd Müller hat Alzheimer MÜNCHEN. Der deutsche Rekord-Stürmer Gerd Müller ist an Alzheimer erkrankt. Wie der FC Bayern am Dienstagabend bekannt gab, wird der einstige "Bomber der Nation" seit Anfang Februar behandelt. Am 3. November feiert er seinen 70. Geburtstag.

Müller war über viele Jahre ins Vereinsleben des FC Bayern München integriert, zuletzt als Co-Trainer der Amateurmannschaft. "Trotz unübersehbarer Zeichen seiner Erkrankung wurde er von der Bayern-Familie, den Fans und Medien mit Sympathie und großem Respekt behandelt", sagte Professor Hans Förstl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Rechts der Isar, der Müller behandelt.

Rekord-Torschütze der Bundesliga

Für den Aufstieg des erfolgreichsten deutschen Vereins war Müller nach Einschätzung vieler Weggefährten ähnlich wichtig wie "Kaiser" Franz Beckenbauer oder der langjährige Erfolgsmanager Uli Hoeneß.

"Was der FC Bayern heute darstellt, mit diesem Palast an der Säbener Straße... ohne Gerd Müller wären die Leute da immer noch in dieser Holzhütte von damals", sagte Beckenbauer am Dienstag in Kitzbühel.

Müller wurde mit der deutschen Auswahl Welt- und Europameister, mit dem FC Bayern viermal deutscher Meister, viermal DFB-Pokalsieger und dreimal Champion im Europapokal der Landesmeister.

Mit 365 Treffern in 427 Partien ist er nach wie vor Rekordtorschütze der Bundesliga. Außerdem gelang es dem gebürtigen Nördlinger aus Schwaben in der Saison 1971/72 als bislang einzigem Profi, 40 Tore in einer Liga-Spielzeit zu erzielen. Seine 68 Länderspieltore wurden erst 2014 von Miroslav Klose übertroffen.

"Gerd Müller ist einer der ganz Großen des Weltfußballs", sagte Rummenigge. "Gerd war ein Torjäger, wie es ihn vermutlich nicht mehr geben wird, und bei allen Erfolgen ist er stets bescheiden und zurückhaltend geblieben, was mich besonders beeindruckt hat."

Nach der aktiven Karriere habe er seine Erfahrung für den Nachwuchs eingebracht und dadurch etwa die späteren Weltmeister Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller geprägt. "In der Bayern-Familie wird Gerd immer seinen festen Platz haben."

Thomas Müller bestürzt

Bayern-Stürmer Thomas Müller sieht der Zeit nach der Diagnose nun jedoch zuversichtlich entgegen: Gerd Müller werde seine Krankheit sicherlich so angehen, "wie ich ihn kenne. Mit viel Lebensmut und einer positiven Grundeinstellung".

Er bezeichnete seinen Vorgänger als "großartigen Menschen". "Seine Torquote wird in Deutschland niemand mehr erreichen. Dennoch ist er total bescheiden", sagte Müller. "Gerd ist einer der herzlichsten Menschen, die ich kenne", umschrieb er den "Bomber der Nation".

Thomas Müller hatte den Ausnahmestürmer kennengelernt, als er zu den Amateuren des FC Bayern gekommen war. "Wir haben uns von Anfang an super verstanden. Er hat mir Tipps gegeben, wie ich mich als Offensivspieler im Strafraum verhalten soll. Dafür bin ich ihm heute noch sehr dankbar", sagte Thomas Müller.

Er und Gerd Müller hatten später auch einen gemeinsamen Werbespot für Müllermilch gedreht.

Assauer, Reagan, Scholz

2012 hatte sich der ehemalige Bundesligaspieler und langjährige Manager des FC Schalke 04, Rudi Assauer, zu seiner fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung bekannt und damit für große Erschütterung gesorgt. Assauer hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Auch andere Prominente leiden an der Krankheit. Unter ihnen sind etwa der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan, die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher und der deutsche Boxer Gustav "Bubi" Scholz. (dpa/ths/aze)


Quelle:
Aerztezeitung, 07.10.2015 

 

Alzheimer-Bericht zeigt

Weltweit immer mehr Demenzkranke

Der medizinische Fortschritt beschert der Menschheit längere Lebenszeiten, aber auch ein großes Problem: Demenz. Die Zahl der Betroffenen steigt dramatisch, wie der Welt-Alzheimer-Bericht zeigt.

LONDON. Die Volkskrankheit Demenz breitet sich dramatisch aus und verschlingt enorme Summen. Schon heute erkrankt daran alle 3,2 Sekunden irgendwo auf der Erde ein Mensch.

Die Zahl der Betroffenen werde sich bis zum Jahr 2050 fast verdreifachen, teilten Wissenschaftler am Dienstag in London bei der Vorstellung des Welt-Alzheimer-Berichtes 2015 mit. Sie riefen Regierung und Arbeitgeber auf, auch mehr in die Vorbeugung zu investieren.

Derzeit leben weltweit 46,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. 2030 werden es 74,1 Millionen sein, 2050 schon 131,5 Millionen - rund 60 Prozent in ärmeren Ländern.

Kosten von jährlich 818 Milliarden Dollar

Experten beziffern die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten auf jährlich 818 Milliarden US-Dollar (etwa 711 Milliarden Euro). In drei Jahren werde die Grenze zu einer Billion überschritten.

Der Bericht der Organisation Alzheimer Disease International (ADI) wurde maßgeblich von Forschern des Londoner King's College verfasst.

ADI-Chef Marc Wortmann erklärte, die Regierungen in aller Welt seien aufgerufen, den Menschen mit Demenz bessere Lebensbedingungen bereitzustellen.

"Die steigenden Kosten von Demenz werden eine ernsthafte Herausforderung für die Gesundheits- und Sozialsystem in aller Welt darstellen", sagte er.

Die Kosten steigen den Wissenschaftlern zufolge viel schneller als die Zahl der Betroffenen. "Wir glauben jetzt, dass wir das derzeitige und künftige Ausmaß der Krankheit in unserem Welt-Alzheimer-Bericht im Jahr 2009 um 12 bis 13 Prozent unterschätzt haben", sagte Mitautor Martin Prince vom King's College.

In Deutschland 1,5 Millionen Betroffene

Deutschlandweit gibt es derzeit rund 1,5 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen, die meisten haben Alzheimer.

Demenz ist ein Sammelbegriff für viele Krankheiten, die in der Regel bei älteren Menschen auftreten.

Gemeinsam ist ihnen der fortschreitende Untergang von Nervenzellen im Gehirn. Geistige Fähigkeiten, Sprache und Motorik lassen nach, die Betroffenen können den Alltag bald nicht mehr bewältigen. Die Ursachen sind noch weitgehend unbekannt. (dpa)


Quelle: Aerztezeitung, 26.08.2015   

 

Pflege von Demenzkranken macht jeden Dritten depressiv

BERLIN . Die Pflege von Demenzkranken macht viele Angehörige selbst krank.
32 Prozent der rund 1000 Befragten gaben an, die Belastung habe bei ihnen vorübergehend zu Depressionen geführt.
Das ist das Ergebnis einer Studie von Forsa für die Private Pflegeberatung "Compass", die der "Passauer Neuen Presse" vorliegt.

Bei Menschen, die demenzkranke Angehörige betreuen, klagten 40 Prozent über depressive Phasen.
60 Prozent engagieren sich, weil sie sich der pflegebedürftigen Person gegenüber verpflichtet fühlen, so die Studie weiter.
Neun Prozent gäben finanzielle Gründe an, da Alternativen wie professionelle Pflege zu teuer seien.

Jeder dritte pflegende Angehörige sorgt der Studie zufolge für einen Patienten mit Demenz-Diagnose. 46 Prozent der Befragten sorgen für die eigenen Eltern, 15 Prozent für Vater oder Mutter des Partners. Jeder zweite beklagt körperliche Belastungen.50 Prozent der pflegenden Angehörigen fühlten sich schlecht oder weniger gut über vorhandene Entlastungsangebote informiert.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), sagte der "Passauer Neuen Presse", es sei sehr wichtig, pflegende Angehörige so gut wie möglich zu unterstützen und zu entlasten.

Mit dem geplanten neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff sollten Demenzkranke überhaupt erstmals voll von der Systematik der Pflegeversicherung erfasst werden. Am kommenden Mittwoch will das Kabinett das zweite Pflegestärkungsgesetz verabschieden. (dpa)


Quelle: Aerztezeitung, 07.08.2015   

 

Gute Nachrichten – Demenzprävention chancenreicher als Therapie

Die Prognosen von vor 30 Jahren über die Demenzentwicklung in westlichen Industrienationen waren zu negativ. Die Gründe dafür haben Implikationen für die Prävention demenzieller Erkrankungen.

Seit 1998 kam es zu drei Neuzulassungen von Alzheimer-Medikamenten, aber die Entwicklung von 101 Medikamenten musste erfolglos abgebrochen werden.
Auch in den nächsten Jahren ist kein therapeutischer Durchbruch zu erwarten, glaubt Professor Frans Verhey, Maastricht.
Umso wichtiger ist es, die Prävention voranzutreiben.
Dass dies Chancen hat, zeigt, dass die schon lange postulierte „Demenzepidemie“ nicht ganz so dramatisch ausfällt, wie vor einigen Jahrzehnten befürchtet (Abb. 1, [Larson EB et al. N Engl J Med 2013; 369: 2275–7]).

Ursache dafür dürften unter anderem eine bessere Behandlung von Erkrankungen wie Bluthochdruck, kardiovaskuläre Erkrankungen und Schlaganfall, Diabetes oder Depression sein. Das passt laut Verhey auch zu dem heutigen Verständnis der Demenz:
Es gibt nicht eine einzige molekulare Ursache, sondern ein breites Spektrum von zur Krankheitsentwicklung beitragenden Faktoren und Grunderkrankungen, die über das Leben hinweg in unterschiedlichen Phasen einwirken (Abb. 2).

Abb. 2 Viele Faktoren wirken zusammen, wenn Menschen auch im Alter kognitiv gesund bleiben.


Angewandte Epidemiologie

Das europäische Projekt In-MINDD (Innovative, midlife intervention for dementia deterrance) hat sich zum Ziel gesetzt, Komorbiditäten zu identifizieren, die als modifizierbare Risikofaktoren beeinflussbar sind und diese in einen Risikorechner zu integrieren. Ähnlich wie bei kardiovaskulären Erkrankungen könnte eine Risikoberechnung das Beratungsgespräch mit Patienten unterstützen.

Als modifizierbare Faktoren im Rahmen der Demenzentwicklung identifizierten die Forscher anhand von Literaturrecherchen zunächst Erkrankungen wie Depression, Diabetes, Hypertonie, Fettstoffwechselstörung und Adipositas im mittleren Lebensalter sowie als Lebensstilfaktoren Rauchen, Konsum von Obst- und Gemüse, Fisch, Alkohol, körperliche Aktivität und kognitives Training. Eine systematische Auswertung ergab zusätzlich auch eine Niereninsuffizienz als Risikofaktor.
In einem DELPHI-Konsensusprozess entstand daraus ein gewichtetender Risikoscore (Tab. 1), der in zwei Kohorten validiert wurde.

Tab. 1  Demenzrisikowert nach IN-MINDD

Modifizierbarer Risikofaktor

Relatives Risiko

Wert

1. Geringer/moderater Alkoholkonsum

0,7

–1,0

2. Koronare Herzerkrankung

1,4

+1,1

3. Körperliche Inaktivität

1,4

+1,1

4. Niereninsuffizienz

1,4

+1,1

5. Diabetes

1,5

+1,3

6. Cholesterol/Hyperlipidämie

1,5

+1,4

7. Rauchen

1,6

+1,5

8. Adipositas (im mittleren Lebensalter)

1,6

+1,6

9. Hypertonie (im mittleren Lebensalter)

1,6

+1,6

10. Depression

1,9

+2,1

11. Hohe kognitive Aktivität

0,4

–3,2


In der Maastricht Aging Study mit 965 Teilnehmern, von denen 62 eine Demenz entwickelt hatten, ergab sich unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildung ein doppelt so hohes Demenzrisiko, wenn drei oder mehr der modifizierbaren Risikofaktoren vorlagen.
In der DESCRIPA-Studie mit älteren Kohorten und mehr Demenzfällen ließ sich dagegen kein signifikanter Effekt der modifizierbaren Risikofaktoren mehr ausmachen. „Es ist sehr wichtig, Menschen zwischen 40 und 60 Jahren anzusprechen“, betonte Verhey. Ein entsprechender Fragebogen als Basis für die Beratung der Patienten „im besten Alter“ soll demnächst in Hausarztpraxen in England überprüft werden.

 

 

Huml will Versorgung von Demenzkranken deutlich verbessern

Gesundheitsministerin stellt beim ersten Bayerischen Fachtag Demenz in München die Vielfalt der im Rahmen der Bayerischen Demenzstrategie stattfindenden Projekte vor

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml will die Versorgung von demenzkranken Menschen im Freistaat deutlich verbessern. Huml betonte am Mittwoch anlässlich des ersten Bayerischen Fachtags Demenz in München: "Die stark zunehmende Zahl der Demenz-Erkrankungen ist besorgniserregend. Wir müssen sicherstellen, dass die Betroffenen auch in Zukunft eine angemessene Betreuung und Pflege erhalten können."

Die Ministerin fügte hinzu: "Im Rahmen der Bayerischen Demenzstrategie gibt es bereits in unterschiedlichen Lebensbereichen Projekte, die wir weiter ausbauen wollen. Mein Ziel ist es, Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen eine größtmögliche Lebensqualität zu gewährleisten."

Derzeit leben in Bayern etwa 220.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung. Etwa 70 Prozent davon sind Frauen. Der Gesundheitsreport Bayern geht für die nächsten 20 Jahre von einem Anstieg um mehr als 50 Prozent auf rund 340.000 Patienten aus, sollte in der Therapie kein Durchbruch erzielt werden.

Huml, die selbst Ärztin ist, unterstrich: "Wir verstehen Demenz nicht nur als medizinische und pflegerische Herausforderung. Denn es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der nicht davon berührt wird. Aus diesem Grund sind alle Bayerischen Staatsministerien in die Umsetzung der Demenzstrategie einbezogen." Die Ministerin ergänzte: "Unser Ziel ist es, einen Bewusstseinswandel im Umgang mit der Krankheit Demenz herbeizuführen. Wir wollen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, den Erkrankten ein Leben in der Mitte unserer Gesellschaft zu ermöglichen."

Im Rahmen der im Jahr 2013 ins Leben gerufenen Demenzstrategie fördert das Bayerische Gesundheitsministerium bereits eine Vielzahl von erfolgreichen Projekten für Betroffene und Angehörige. Unterstützt werden etwa sogenannte "Demenzpaten", die sich in ihrem Umfeld ehrenamtlich für eine neue Kultur im Umgang mit Menschen mit Demenz einsetzen

Das mit über 70.000 Euro geförderte Bewegungsprogramm "GESTALT-kompakt" der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wendet sich an ältere Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko. Es animiert dazu, sich regelmäßig körperlich zu bewegen, um so der Krankheit vorzubeugen.

Hauptziel des Projekts "Menschen mit Demenz im Krankenhaus" ist es, konkrete Hilfen für dementiell erkrankte Menschen und deren Angehörige bei einem Krankenhausaufenthalt zu entwickeln und in den Klinikalltag einzuführen. Dazu gehören auch entsprechende Mitarbeiterschulungen.

Darüber hinaus fördert der Freistaat mehr als 500 niedrigschwellige Angebote, um die Lebensbedingungen der Betroffenen und ihrer Familien zu verbessern. Für die Förderung des Auf- und Ausbaus von niedrigschwelligen Betreuungsangeboten sowie für Modellvorhaben zur Erprobung neuer Versorgungskonzepte und  -strukturen insbesondere für Pflegebedürftige mit Demenzerkrankung stehen jährlich 1,7 Millionen Euro zur Verfügung.

In diesem Jahr neu gestartet ist das vom Bayerischen Gesundheits- und Pflegeministerium geförderte Forschungsprojekt "Bayerischer Demenz Survey" der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Im Rahmen dieses Projekts werden Menschen mit Demenz sowie pflegende Angehörige in drei bayerischen Regionen (Dachau, Erlangen und Kronach) befragt, um Informationen über den Verlauf der Demenzerkrankung sowie über die Versorgung im häuslichen Umfeld zu gewinnen.

Huml erläuterte: "Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse können dann Handlungsstrategien entwickelt werden. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Versorgungssituation von Menschen mit Demenz sowie der Situation der pflegenden Angehörigen." Das Bayerische Gesundheitsministerium fördert das Projekt für den Zeitraum von Februar 2015 bis Dezember 2016 mit über 500.000 Euro.


Quelle: Pressemitteilung Gesundheitsministerium Bayern, 15.04.2015

 

 

Demenz

WHO-Konferenz für internationale Kooperation

GENF. Nach Schätzungen der WHO wird die Zahl der Demenzkranken von heute weltweit etwa 47,5 Millionen Betroffenen auf 75,6 Millionen im Jahr 2030 steigen.
Bis 2050 werde sich die Zahl der Demenzkranken auf 135,5 Millionen sogar verdreifachen,
so die WHO am Montag anlässlich ihrer zweitägigen globalen Ministerkonferenz zu Demenz.
Dabei erörtern Mediziner, Forscher und Politiker Möglichkeiten einer verstärkten internationalen Kooperation.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wird dazu am Dienstag eine Rede halten. Betroffenen könnte mehr Hilfen gewährt werden, so die WHO.
Dazu gehörten mehr Bemühungen um Früherkennung und die gezielte Behandlung physischer Leiden, die mit Demenz einhergehen. (dpa)


Quelle: Ärztezeitung, 17.03.2015

 


Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin: Neues Programm für Menschen mit Demenz ab dem Jahr 2016

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml will das Tagespflege-Angebot für Menschen mit Demenz verbessern. Huml betonte am Dienstag: "Ab dem Jahr 2016 wird es ein neues Förderprogramm geben. Damit werden wir Tagespflege-Einrichtungen für Demenzkranke finanziell unterstützen. Im Jahr 2016 haben wir hierfür rund 1,5 Millionen Euro veranschlagt.“

Die Ministerin fügte hinzu: "Ziel der Tagespflege-Einrichtungen ist eine Entlastung der Menschen, die einen Angehörigen mit Demenz zu Hause betreuen und versorgen. Auf diese Weise tragen wir mit dazu bei, dass sie ihrer Aufgabe auf Dauer gewachsen sind."

In den vergangenen Jahren ist in Bayern die Zahl der dementiell Erkrankten in den Tagespflege-Einrichtungen immer weiter angestiegen. Das neue Förderprogramm des Bayerischen Pflegeministeriums soll insbesondere die bauliche Anpassung der Einrichtungen an die Anforderungen dieser Gäste unterstützen. Die Ministerin erläuterte: "Der Bedarf an Tagespflege-Einrichtungen nimmt laut Einschätzung der Träger stetig zu - ebenso wie die Akzeptanz bei den Tagespflegegästen und ihren Angehörigen. Dennoch spielt dieses Betreuungsangebot noch immer eine untergeordnete Rolle. Zu Unrecht, wie ich meine."

Laut dem Statistischen Bericht des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung "Einrichtungen für ältere Menschen und ambulant betreute Wohngemeinschaften in Bayern 2012" gab es Ende des Jahres 2012 nur rund 1.152 Tagespflegeplätze in Bayern. Das entspricht einem Gesamtanteil an allen verfügbaren stationären Plätzen von nicht einmal einem Prozent.

Huml betonte weiter: "Deshalb haben wir uns in Berlin dafür eingesetzt, das Angebot der Tagespflege zu stärken. Mit Erfolg! Das gerade in Kraft getretene Pflege-Stärkungsgesetz I bringt wichtige Neuerungen für die Tagespflege. Ich bin mir sicher, dass das zu einem erheblichen Schub für die Tagespflege-Einrichtungen führen wird."

Das Pflege-Stärkungsgesetz enthält unter anderem eine deutliche Stärkung der Tagespflege. Wer ambulante Sachleistungen und/oder Pflegegeld bekommt, kann künftig Tages- und Nachtpflege zusätzlich ohne Anrechnung voll in Anspruch nehmen. Damit steht deutlich mehr Geld für die Pflege zur Verfügung.

Quelle: Pressemitteilung Gesundheitsministerium Bayern, 17.02.2015


In eigener Sache ...

"Gefragter Kompass"

Einen Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 2. Januar 2015 über die "GERONTOLOGISCHE SENIORENBERATUNG ONLINE" finden Sie => hier

 

Perspektiven für pflegende Angehörige

Eine unendliche Geschichte: Pflegende Angehörige von Demenzpatienten müssen effizient unterstützt werden. Die Kammern Westfalen-Lippe und Nordrhein analysieren Defizite und was Ärzte konkret tun können, um sie abzubauen.

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. Bei der Versorgung von Demenzpatienten müssen die pflegenden Angehörigen viel stärker in den Blick genommen werden als bisher. Sie brauchen gezielte Beratung und Unterstützung.

Das hat nicht nur positive Folgen für die Pflegenden selbst. "Wenn man etwas für die Angehörigen tut, geht es auch den Patienten besser", sagte Professor Hans Georg Nehen, Direktor des Geriatrie-Zentrums Haus-Berge in Essen.

"Wenn wir nicht aufpassen, sind die Pflegenden von heute die Patienten von morgen", warnte Nehen bei der Abschlussveranstaltung zum Aktionsjahr "Demenz im Blick" der Ärztekammern Nordrhein (ÄKNo) und Westfalen-Lippe (ÄKWL) in Düsseldorf.

Häufig seien es die Schwächsten in einer Familie, die die Pflege übernehmen. Sie wüssten in der Regel nicht, was auf sie zukommt. Nehen verwies auf eine Untersuchung, nach der rund ein Drittel der Angehörigen ihre Lebensqualität schlechter einschätzen als die des Demenzkranken.

Viele pflegende Angehörige leiden unter Depressionen oder einer psychosomatischen Erkrankung und haben einen hohen Arzneimittelverbrauch.

Wichtig sei, dass die Pflegenden die Krankheit und ihre Auswirkungen auf die Patienten verstehen, betonte er. "Wissen über Demenz reduziert Depression und Belastung der pflegenden Angehörigen."

Entscheidungen über die Behandlung der Demenzkranken am Lebensende könnten durch Aufklärung über die Krankheit positiv beeinflusst werden, eine pathologische Trauer der Angehörigen könne verhindert werden. "Die Schulung der Angehörigen ist die conditio sine qua non. Sie gehört genauso zur Demenz wie die saubere Diagnostik und Therapie."

Psychologisches Fingerspitzengefühl erforderlich

Die Gesamtsituation der Demenzkranken und vor allem der Angehörigen ist nach wie vor sehr unbefriedigend, findet Regina Schmidt-Zadel, die 1. Vorsitzende des Landesverbands der Alzheimer-Gesellschaften in Nordrhein-Westfalen. Die Hilfesysteme seien auf die besonderen Beeinträchtigungen nicht ausreichend eingestellt.

Für Ärzte, insbesondere Hausärzte sei die Demenz eine diagnostische und zwischenmenschliche Herausforderung. "Das Einbeziehen der pflegenden Angehörigen ist unumgänglich, jedoch zeitintensiv und aufwändig, und es erfordert psychologisches Fingerspitzengefühl", sagte sie.

Die SPD-Politikerin plädierte dafür, dass sich Ärzte aller Fachrichtrungen in den lokalen Netzwerken zur Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen engagieren. "Nicht nur Geriater und die Gerontopsychiatrie sind mit dem Thema Demenz konfrontiert", sagte Schmidt-Zadel.

Ein wesentliches Ziel des Aktionsjahres "Demenz im Blick" sei es gewesen, Verständnis und Sensibilität für Menschen mit Demenz zu erhöhen und einer gesellschaftlichen Ausgrenzung entgegenzuwirken, erläuterte der Vizepräsident der ÄKNo Bernd Zimmer. "Das darf kein Strohfeuer bleiben."

Die Lebensqualität der Menschen mit Demenz hänge entscheidend davon ab, wie sich die Gesellschaft gegenüber den Betroffenen verhält.

Hilfenetze im Bedarfsfall

Die Kammern wollten mit dem Aktionsjahr dazu beitragen, dass sich Ärzte mehr mit den Strukturen vor Ort beschäftigen und im Bedarfsfall Hilfenetze benennen können.

"Mit dieser Lotsenfunktion können sie die Versorgung von Menschen mit Demenz in ihrem häuslichen Umfeld sowie die Unterstützung ihrer Angehörigen deutlich verbessern", betonte der Hausarzt aus Wuppertal.

Während des Aktionsjahres sei es gelungen, unterschiedliche Berufsgruppen an einen Tisch zu bringen, lobte die Demenzbeauftragte der ÄKWL Stefanie Oberfeld. Institutionalisierte Netzwerkstrukturen könnten ein Lösungsansatz für bessere Versorgung sein.

Die Versorgung von Demenzkranken im Krankenhaus sei eine besondere Herausforderung, sagte Oberfeld. Jeder fünfte Krankenhauspatient leide zusätzlich an einer Demenzerkrankung.

"Noch immer wissen wir viel zu wenig über die Bedürfnisse dieser Patienten und das, was wir wissen, findet an zu wenigen Stellen Einzug in den klinischen Alltag."


Quelle: Ärztezeitung, 05.01.15

 

Unterzeichnung der Agenda
„Gemeinsam für Menschen mit Demenz“

Berlin, 15. September 2014

Mit der heutigen Unterzeichnung der Agenda durch die Gestaltungspartner der "Allianz für Menschen mit Demenz" haben Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig und Bundesgesundheits-minister Hermann Gröhe das Startsignal für die Umsetzung der Ergebnisse aus der zweijährigen Arbeitsphase gegeben.
Damit ist der Grundstein für eine nationale Demenzstrategie gelegt.

Unter dem Vorsitz der beiden Bundesministerien und dem Ko-Vorsitz der "Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. – Selbsthilfe Demenz" haben die kommunalen Spitzenverbände, die relevanten Spitzenverbände aus dem Bereich Pflege und Gesundheit, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft sowie die Länder in einem intensiven Diskussionsprozess konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation der an Demenz erkrankten Menschen und ihrer Angehörigen vereinbart.

„Wir dürfen Demenzkranke und ihre Angehörigen nicht allein lassen. Sie sollen so lange wie möglich am sozialen Leben teilnehmen und im vertrauten Umfeld leben können. Zusammen mit 450 Mehrgenerationenhäusern und den 300 Anlaufstellen für ältere Menschen im Quartier unterstützen künftig 1.250 lokale Anlaufstellen bundesweit Demenzkranke und ihre Familien“, sagteBundesfamilienministerin Manuela Schwesig. „Mit dem Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf, geben wir den Familien was sie brauchen: Mehr Zeit, um die Doppelbelastung zu bewältigen“, so Schwesig weiter.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe teilte mit: „Mit dem Pflegestärkungsgesetz sorgen wir dafür, dass Demenzkranke und ihre Familien schon ab dem nächsten Jahr deutlich besser unterstützt werden. Wir brauchen darüber hinaus eine gemeinsame Kraftanstrengung in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Dazu gehören neben einer guten medizinischen und pflegerischen Versorgung und Rehabilitationsmaßnahmen auch ein kompetenter Umgang mit Demenzkranken, sei es in Arztpraxen, Krankenhäusern oder in Bürgerämtern. Diesem Ziel dient die Allianz für Menschen mit Demenz."

Rund 1,5 Millionen Menschen sind heute in Deutschland an Demenz erkrankt. Jährlich erkranken 300.000 Menschen neu, wodurch die Gesamtzahl an Menschen mit Demenz jährlich um ca. 40.000 zunimmt (Differenz Neuerkrankungen zu Sterbefällen). So leben in Familien, Nachbarschaft und Quartier künftig immer mehr Menschen mit Demenz. Die Krankheit wird oftmals tabuisiert: Erkrankte und Angehörige fühlen sich isoliert, erforderliche Hilfe und Unterstützung unterbleiben. Daher hat die Bundesregierung die "Allianz für Menschen mit Demenz" als eines der Handlungsfelder der Demografiestrategie ins Leben gerufen.

Nach Auffassung der Ko-Vorsitzenden Heike von Lützau-Hohlbein ist die Agenda geprägt vom Leitbild der Inklusion. „Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Demenz stehen im Vordergrund der vereinbarten Maßnahmen. Daher ist die Deutsche Alzheimer Gesellschaft als Vertreterin  der Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen ein wichtiger Gestaltungspartner. In einem kooperativen und beteiligungsorientierten Prozess konnten die Belange der Menschen mit Demenz einbezogen werden.“

Damit sie auch weiterhin eingebunden sind, werden die Ergebnisse auch in Leichter Sprache verfügbar gemacht. Die Umsetzung der Agenda erfolgt in unterschiedlicher Trägerschaft und Verantwortung in den folgenden Jahren. Ein erster Fortschrittsbericht ist für Frühjahr 2016 vorgesehen.

Die Gestaltungspartner der Allianz für Menschen mit Demenz sind:

  • Aktion Demenz e.V.
  • Aktion Psychisch Kranke e.V.
  • Arbeits- und Sozialministerkonferenz
  • Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V.
  • Bundesärztekammer
  • Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.
  • Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.
  • Deutsche Gesellschaft für Geronto­psychiatrie und -psychotherapie e.V.
  • Deutsche Krankenhaus Gesellschaft e.V.
  • Deutscher Landkreistag
  • Deutscher Pflegerat e.V.
  • Deutscher Städtetag
  • Deutscher Städte- und Gemeindebund
  • Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V.
  • Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V.
  • Gesundheitsministerkonferenz
  • GKV-Spitzenverband
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung
  • Kuratorium Deutsche Altershilfe
  • Kultusministerkonferenz
  • Verband der Privaten Krankenversicherung e.V.
  • Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe e.V.
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • Bundesministerium für Gesundheit
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales
  • Bundesministerium des Innern
  • Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
  • Bundeskanzleramt

Quelle: Pressemitteilung Bundesgesundheitsministerium, 15.09.2014 

Hier die Agenda im Wortlaut => Agenda "Gemeinsam für Menschen mit Demenz"  


Zahl der Menschen mit Demenz in Bayern steigt - Bayerns Gesundheitsministerin stellt zum Welt-Alzheimertag 2014 neuen Gesundheitsreport vor

Die Zahl der Demenz-Erkrankungen in Bayern steigt. Das ergibt sich aus einem neuen Gesundheitsreport zu diesem Thema, wie die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml anlässlich des Welt-Alzheimertags am Sonntag mitteilte. Demzufolge leben im Freistaat derzeit rund 220.000 Menschen mit Demenz. Etwa 70 Prozent davon sind Frauen.

Huml warb angesichts dieser Entwicklung für einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft beim Umgang mit Demenz. Die Ministerin betonte: "Menschen mit Demenz dürfen nicht auf Pflegefälle reduziert werden. Sie sind vielmehr Teil unserer Gesellschaft. Sie haben einen Anspruch darauf, dass ihre Würde in allen Phasen der Erkrankung bewahrt bleibt."

Dem Gesundheitsreport zufolge ist in Bayern bis zum Jahr 2020 mit einem Anstieg der Zahl der Menschen mit Demenz um rund 20 Prozent auf circa 270.000 zu rechnen, wenn das Erkrankungsrisiko auf dem bisherigen Niveau bleibt. Bis 2032 würde sich in diesem Fall ihre Zahl sogar um mehr als 50 Prozent auf rund 340.000 erhöhen. Allerdings wächst bei Experten die Zuversicht, dass sich auch demenzielle Erkrankungen in erheblichem Umfang durch einen gesunden Lebensstil vermeiden lassen - insbesondere durch den Verzicht auf das Rauchen und ausreichend körperliche Aktivität.

Huml verwies darauf, dass die Bayerische Staatsregierung bereits im Sommer 2013 eine Demenzstrategie entwickelt hat. Sie unterstrich: "Kernziel dieser Strategie ist es, die medizinische Versorgung, Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz sicherzustellen. Wir wollen die Selbstbestimmung der Betroffenen wahren, ihre Lebensqualität verbessern und eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen."

Das Bayerische Gesundheitsministerium unterstützt auch Angehörige bei der häuslichen Pflege von Menschen mit Demenz. Rund zwei Drittel der Demenzkranken werden derzeit zuhause betreut. Huml erläuterte: "Das Gesundheitsministerium fördert mit rund 1,6 Millionen Euro im Jahr rund 100 Fachstellen, die pflegende Angehörige beraten und informieren. Mit rund 500 niedrigschwelligen Angeboten wie Betreuungsgruppen oder Helferkreisen, die das Ministerium mit 1, 7 Millionen Euro jährlich unterstützt, werden Angehörige in der Betreuung zusätzlich entlastet."

Demenzerkrankungen vom Alzheimertyp sind bisher nicht heilbar. Für die Lebensqualität der Erkrankten spielen die rechtzeitige Diagnose und Behandlung aber dennoch eine wichtige Rolle. Denn eine gezielte Behandlung durch Medikamente im Frühstadium kann das Fortschreiten der Krankheit verzögern und die Symptome lindern.

Den neuen Gesundheitsreport, in dem auch die regionale Verteilung der Demenzerkrankungen in Bayern steht, finden Sie im Internet unter http://www.lgl.bayern.de/publikationen/doc/gesundheitsreport_2014_03.pdf.


Quelle: Pressemitteilung Gesundheitsministerium Bayern, 21.09.2014




Nur jeder dritte Deutsche möchte seine Alzheimer-Prognose wissen

Fast die Hälfte aller Deutschen (45 %) macht sich manchmal Sorgen, einmal an Alzheimer zu erkranken. Dennoch würde nur jeder Dritte (32 %) seine persönliche Alzheimer-Prognose tatsächlich wissen wollen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag der gemeinnützigen Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI).

Das größte Alzheimer-Risiko ist bekanntlich das Alter.
Folgerichtig nimmt auch die Sorge vor der Erkrankung mit steigendem Alter zu.
Während sich nicht einmal jeder Fünfte der 16 bis 29-Jährigen (18 %) um seine Gedächtnisleistung im Alter Gedanken macht, sind es bei den 50 bis 59-Jährigen schon mehr als die Hälfte (54 %).
Noch präsenter wird das Thema bei den 60 bis 69-Jährigen (62 %) und bei den über 70-Jährigen, wo sich rund sieben von zehn Befragten Sorgen machen (71 %), an Alzheimer zu erkranken.

Insgesamt 58 Prozent der Befragten gaben dabei allerdings an, dass sie lieber nicht wissen wollen, ob sie erkranken werden. Obwohl Alzheimer eine Alterserkrankung ist, steigt das Interesse an einer Alzheimer-Prognose auch mit zunehmendem Alter nicht.

Wer dagegen einen Alzheimer-Patienten in seiner Familie oder seinem Bekanntenkreis hat, wäre für eine persönliche Alzheimer-Vorhersage allerdings sensibilisierter: Aus dieser Gruppe würden 40 Prozent gerne wissen wollen, ob sie einmal an Alzheimer erkranken werden.

Quelle ist eine repräsentative Umfrage der Alzheimer Forschung Initiative e.V., durchgeführt vom Institut für Demoskopie Allensbach bei 1.507 Personen ab 16 Jahren.

 

 

Phytotherapie

Nutzen von Ginkgo bei Alzheimer bestätigt

Ginkgo verbessert die Kognition und erleichtert die Alltagsaktivitäten von Patienten mit AlzheimerDemenz. Das hat eine Meta-Analyse von 21 klinischen Studien bestätigt.

XI'AN. Welchen Effekt "natürliche Medizin" in der Prävention und Behandlung von Patienten mit AlzheimerErkrankung hat, haben Dr. Mengmeng Yang und Kollegen vom Tangdu Hospital in Xi'an untersucht.

Sie durchforsteten Datenbanken nach Studien und bezogen 21 mit hinreichender Qualität in ihre Meta-Analyse ein (Am J Chin Med 2014; 42: 505-521). Von Ginkgo biloba abgesehen hatten andere Behandlungsformen entweder nur minimale Effekte oder die Qualität der Studien war gering.

Die Hauptergebnisse der aktuellen Meta-Analyse: Im Vergleich zu Placebo hatte Ginkgo-Extrakt einen positiven Effekt auf die Kognition von Alzheimer-Patienten. Bis auf eine Studie hatten alle anderen einen deutlichen positiven Effekt auf die Kognition.

Hier lag der standardisierte Mittelwertunterschied (SMD) bei -1,62. Vier Studien zeigten darüber hinaus auch einen positiven Effekt von Ginkgo auf die Alltagsaktivitäten der Patienten. Die SMD lag hier bei -1,55.

Wirkung auch bei anderen Demenzformen

In der Diskussion weisen die Autoren der Meta-Analyse daraufhin, dass eine Reihe randomisierter kontrollierter Studien bei Patienten mit unterschiedlichen Demenzformen ebenfalls positive Effekte von Ginkgo biloba ergeben hätten.

Diese wurden in die aktuelle Meta-Analyse nicht einbezogen, da der Fokus auf Alzheimer-Demenz lag.

In der Diskussion erwähnen Yang und Kollegen, dass in zwei Studien Ginkgo biloba (EGb761®, Tebonin®) mit dem Cholinesterasehemmer Donepezil bei Patienten mit leichter bis moderater Alzheimer-Demenz verglichen wurde. Hier hätten sich keine Unterschiede zwischen den Wirkstoffen gezeigt.

Dies weise daraufhin, dass die Effektivität von Ginkgo-Extrakt durch dessen modulierenden Einfluss auf das cholinerge System erklärt werden kann.

Zudem habe EGb761® in mehreren präklinischen Studien nahezu alle Aspekte der neuronalen Plastizität verbessert.


Quelle: aerztezeitung, 18.08.2014   

 

Steigende Zahl

1,5 Millionen Demenzkranke in Deutschland

BERLIN. Im April hat das Statistische Bundesamt die Zahlen der Volkszählung von 2011 veröffentlicht. Anhand dieser Zahlen hat Dr. Horst Bickel von der Psychiatrischen Klinik der TU München die Berechnungen zur Häufigkeit von Demenzerkrankungen in Deutschland überprüft und aktualisiert, teilt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) mit.

Aktuell leben demnach 1,5 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Demenz. Und jedes Jahr steigt diese Zahl um 40.000 an, sodass es im Jahr 2050 etwa drei Millionen Demenzkranke sein werden, wenn bis dahin keine Therapie gefunden wurde. (eb)

Quelle: Aerztezeitung, 22.07.2014  

 

Demenz-Pflege

Versorgung zu Hause günstiger als im Heim

KÖLN. Die stationäre Pflege von Demenzpatienten ist fast doppelt so teuer wie die Versorgung durch Angehörige und professionelle Pflegekräfte zu Hause. Das zeigt ein europäisches Forschungsprojekt.

Für "Right Time Place Care" haben Forscher die Versorgung von Menschen mit Demenz in Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Spanien untersucht. Einbezogen waren mehr als 2000 Menschen mit Demenz und Pflegende.

Nach der gesundheitsökonomischen Auswertung, für die Professor Dirk Sauerland von der Universität Witten/Herdecke verantwortlich war, entstehen bei der Langzeitpflege im Heim monatliche Kosten von durchschnittlich 4491 Euro. Werden die an Demenz Erkrankten zu Hause gepflegt, kostet das 2491 Euro.

Dabei wurden auch die Kosten der informellen Pflege, etwa durch Familienangehörige, berücksichtigt, sagt Sauerland. "Je nachdem, wie hoch man den Lohn pro Stunde für die erbrachte informelle Pflege ansetzt, wird die häusliche Pflege von Menschen mit schwerer Demenz sogar teurer als die in stationären Pflegeeinrichtungen."

Das müssten Gesundheitspolitiker berücksichtigen, wenn Menschen mit Demenz möglichst lange zu Hause versorgt werden sollen, betont der Gesundheitsökonom.

Ziel von "Right Time Place Care" ist es, länderübergreifende Empfehlungen für die bedarfsgerechte Betreuung von Menschen mit Demenz und den Übergang von der häuslichen in die stationäre Versorgung zu entwickeln. (iss)

Quelle: Aerztezeitung, 15.07.2014  

 

Demenz

Pflegende Angehörige brauchen Hilfe von Hausärzten

Überlastete Angehörige, fehlende Hilfsangebote: Hausärzte sollen es richten, hieß es bei einem Expertenforum. Nötig sind auch neue Lösungen: wie die Paar-Therapie im Alzheimertherapie-Zentrum in Ratzeburg.

KIEL. Pflegende Angehörige von Demenzkranken im Norden brauchen nach Ansicht eines Expertenforums dringend Unterstützung. Hohe Erwartungen bestehen an Hausärzte.

Dies wurde beim ersten von der Barmer GEK einberufenen Expertenforum zu diesem Thema in Kiel deutlich. Dabei waren außer Ärzten aus Klinik und Praxis Politiker, Kassen- und MDK-Vertreter, Pflege- und Psychotherapeutenverbände.

Von Hausärzten wünschten sich viele aus der Runde, dass sie stärker auf die Belange der pflegenden Angehörigen eingehen - etwa durch eine frühere Identifikation der überlasteten Angehörigen und Unterstützung bei der Vermittlung von Hilfsangeboten.

Bei Dr. Thomas Maurer, Vorsitzender des Hausärzteverbandes in Schleswig-Holstein, stießen die Anregungen auf Verständnis. Er machte aber auch deutlich, dass die Hausärzte nicht allein in die Pflicht genommen werden und dies angesichts der Rahmenbedingungen für die Praxen auch gar nicht leisten könnten.

Als großes Manko hat das Forum auch die gesellschaftliche Teilhabe der pflegenden Angehörigen ausgemacht. Abhilfe erhofft man sich durch eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit. Zu den weiteren Defiziten, die das Forum sammelte, zählten die schwere Vereinbarkeit der Pflege mit dem Beruf, die Vernetzung und fehlende Hilfsangebote im ländlichen Raum.

Finanzielle Mittel zur Überwindung dieser Defizite sehen die Beteiligten nur unzureichend bereitgestellt. Einig war sich die Runde, dass die aufgeworfenen Fragen weiterverfolgt werden müssen. Schleswig-Holsteins Barmer-Chef Thomas Wortmann sieht das Forum nur als ersten Schritt an. Wortmann kündigte an, zu diesem Thema weiter mit den Beteiligten nach Lösungen zu suchen.

Eine davon präsentierte Synan Al-Hashimy. Der Chefarzt aus dem Alzheimer-Therapiezentrum in Ratzeburg stellte ein bislang einzigartiges Angebot im Land vor: Pflegende Angehörige können sich dort wahlweise allein oder zusammen mit ihren pflegenden Angehörigen vier Wochen lang nach Überweisung durch einen Haus- oder Facharzt behandeln lassen. 85 Prozent der Patienten wählen die Paar-Behandlung.

Viele von ihnen hätten durch eine Trennung ein schlechtes Gewissen - diese Last wird ihnen durch den gemeinsamen Aufenthalt genommen, berichtete Al-Hashimy. Mehr als 85 Prozent der Patienten in Ratzeburg weisen bereits depressive Störungen auf - für den Chefarzt ein alarmierender Anteil der zeige, dass die Hilfe früher einsetzen müsse.

Quelle: Ärztezeitung , 28.05.2014  

 

Demenz

Eine Krankheit, die oft auch Ärzte nicht wahrhaben wollen

Die zunehmende Häufigkeit von Demenz ist wahrscheinlich unausweichlich in einer alternden Gesellschaft. Aber die ist nicht darauf eingestellt. Die beiden Ärztekammern in Nordrhein-Westfalen haben dazu jetzt eine Initiative gestartet.

Von Ilse Schlingensiepen

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Kann es Demenz sein? Auch Ärzte weichen dieser unangenehmen Frage aus.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

KÖLN. Rudolf Henke war nach eigenen Angaben kein "demenzsensibler Sohn". Der Vorsitzende des Marburger Bundes und Präsident der Ärztekammer Nordrhein hat weder die Zeichen der Demenz bei seinem Vater erkannt noch den Unterstützungsbedarf seiner Mutter.

"Ich habe alles für wohl geordnet gehalten", berichtet Henke auf der Auftaktveranstaltung zum Aktionsjahr "Demenz im Blick" der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe.

Im Umgang mit Demenzerkrankungen im eigenen Umfeld hat der Arzt nicht anders reagiert, als es viele Angehörige tun. Er hat vor den Anzeichen die Augen verschlossen und versucht, sie mit scheinbar rationalen Gründen zu erklären "Es ist schwierig, als Gesunder nachzuvollziehen, was da passiert."

Das Nicht-Wahrhaben-Wollen von Symptomen der Demenz ist nicht auf das private Umfeld der Erkrankten beschränkt. Es kann auch bei Hausärzten eine Rolle spielen.

"Die Nähe zu den Patienten steht uns oft als Barriere im Weg", weiß Professor Stefan Wilm, Hausarzt in Köln und Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Düsseldorf.

Hausärzte fürchten die Diagnose

Der Hausarzt verlässt sich auf das Bild, das er vom Patienten hat, und zieht keine neuen Informationen ein, sagt Wilm. Zudem steckt der Arzt in einem Dilemma: Welche Aussicht, welche Therapie kann er dem Patienten bieten, wenn er den Verdacht auf eine Demenzerkrankung äußert?

"Patient und Hausarzt haben gemeinsam Angst vor der Stigmatisierung." Auch wenn die Anzeichen dafür sprechen, vermeide es der Hausarzt, das Thema aufzugreifen.

Rudolf Henke erkannte die Erkrankung seines Vaters erst, als die Mutter ins Krankenhaus musste. Die Familie hatte Glück, die Klinik hatte eine gerontopsychiatrische Station und bot eine Tagespflege an. Das Ehepaar konnte eine gemeinsame Zeit verbringen, in der die Frau von der Sorge um ihren Mann entlastet war.

Bislang ist es eher dem Zufall überlassen, ob an Demenz Erkrankte und ihre Angehörigen im Medizin- und Sozialsystem die Aufmerksamkeit und Hilfe erhalten, die sie in ihrer besonderen Situation brauchen.

Das Aktionsjahr der beiden Kammern soll mit einer ganzen Reihe von Initiativen und Veranstaltungen dazu beitragen, dass das nicht so bleibt.

"Unser Ziel ist die Weiterentwicklung von Hilfen und Unterstützung für Betroffene sowie die Förderung von Verständnis und Sensibilität für Demenzerkrankungen, um so gesellschaftlicher Ausgrenzung entgegenzuwirken", erläutert Henke. Im Lebensumfeld der Betroffenen sollen Netzwerke entstehen, die mehr soziale Teilhabe und Hilfestellung ermöglichen.

"Das Wichtigste ist, diejenigen nicht aufzugeben, die in der Gefahr sind, dass die Diagnose Demenz zum Etikett wird, bei dem manch einer sagt: Da kann man nichts mehr machen."

In der Versorgung von Demenzkranken fehlt es an Geld und an Zuwendung, kritisiert Dr. Theodor Windhorst, der Präsident der westfälischen Ärztekammer. "Die Gesellschaft entledigt sich hier auf oft würdelose Weise eines für sie unbequemen Themas." Die Kammern wollen die Verantwortung übernehmen, daran etwas zu ändern.

Kollektive Angst vor Demenz

Es gibt kaum eine andere Krankheit, die so verbreitet ist wie die Demenz und über die man gleichzeitig so wenig weiß, sagt Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Sie ist die Schirmherrin von "Demenz im Blick".

Nach Schätzungen sind bundesweit zurzeit 1,4 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, im Jahr 2050 sollen es bereits drei Millionen sein. "Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern Viertel nach zwölf in der Art, in der wir uns mit dem Thema auseinandergesetzt haben", so Steffens.

Sie hält es für ein Problem, dass die Bedürfnisse der Betroffenen bislang eine zu geringe Rolle spielen. "Wir müssen lernen, die Menschen mit Demenz sagen zu lassen, was sie brauchen und was ihnen gut tut."

Wichtig seien individuelle Ansätze und keine pauschalen Lösungen. "Das ist mit unserem Gesundheitssystem eigentlich ganz inkompatibel." Sowohl in den Köpfen der Menschen müsse sich etwas ändern als auch in den Strukturen.

Der Nachholbedarf beim Wissen über den Umgang mit der Erkrankung sei groß, sagt sie. "Das Nicht-Wissen führt dazu, dass wir eine kollektive Angst vor der Demenz haben."

Steffens plädiert dafür, die Demenz als Erscheinung des Älterwerdens zu akzeptieren. In der Gesellschaft und im Gesundheitssystem muss Demenz zur Normalität werden, betont die Ministerin. "Wir müssen die Angst in der Gesellschaft gemeinsam abbauen." Es ist noch ein weiter Weg, bis das erreicht ist.


Quelle: Aerztezeitung, 02..04.2014  

 

In eigener Sache ...

"Dankeschön im Scheckkartenformat"

Der Landkreis belohnt ehrenamtliches Engagement

Ehrenamt lohnt sich.
Das können sich jetzt tatsächlich jene 75 Landkreisbürger sagen (darunter auch Herr Peter Wagner als Leiter der SENIORENBERATUNG ONLINE, Anm.d.Verf.), die am Dienstagabend aus der Hand von Sozialministerin Christine Haderthauer die ersten Ehrenamtskarten im Landkreis München erhielten.
(=> s. Video)
Eine Karte, die ihr Ehrenamt etwas entlohnen wird, vor allem aber eine Wertschätzung der Arbeit ist, sagte Landrätin Johanna Rumschöttel.
Sie sprach vom „Dankeschön im Scheckkartenformat“.

Mit der Karte, so Ministerin Haderthauer, würden die Besitzer zum „ersten Werbeträger und Botschafter des Ehrenamts im besten Sinn“.
Sozialministerin Christine Haderthauer dankte den Gästen für ihren Dienst an den Mitmenschen: „Was Sie leisten, könnten wir nicht organisieren.“
Das Ehrenamt sei nicht austauschbar, da es „sehr persönliche Spuren hinterlässt“.
Gerade Bayern sei mit 36 Prozent ehrenamtlich tätigen Bürgern in Deutschland führend, sagte die CSU-Politikerin.

Quelle: Münchner Merkur, 07.02.2013 



Anerkennung des
ehrenamtliches Engagements durch Überreichung des LandkreisPasses

Im Rahmen eines feierlichen Empfangs übergab Landrätin Johanna Rumschöttel am Dienstag,
den 22.April 2014 die ersten LandkreisPässe an drei besonders engagierte Bürger, darunter auch an Herrn Peter Wagner als Betreiber der SENIORENBERATUNG ONLINE.

Quelle: Süddt. Zeitung, 23.4.14
sowie Münchner Merkur, 24.04.2014 

 

Alzheimer: Kartelle des Vergessens

Kolumbien ist unter Neurologen zum Forschungsterrain geworden. In Bergdörfern der Region treffen sie ungewöhnlich viele Patienten mit frühen Alzheimerformen an. Dort erproben Neurologen innovative Pharmakotherapien.

Antioquia, Kolumbien. Das große Vergessen beginnt für viele Menschen bereits am Ende ihres vierten Lebensjahrzehnts oder noch früher. Mit durchschnittlich 47 Jahren erreichen sie das Vollstadium – und kaum eine Familie, die keine schwerkranken Patienten zu pflegen hat. Sie alle leiden unter frühen Alzheimerformen, bekannt als „Early Onset Alzheimer´s Disease“. Bei zahlreichen Einwohnern fanden Humangenetiker Mutationen in einem Gen, das für ein Transmembranprotein aus der Familie der Präseniline codiert. PSEN1 E280A, so die Abkürzung, wird historisch und geographisch mit spanischen Eroberern in Verbindung gebracht. Weitere Mutationen, etwa PSEN2-Gen, sind ebenfalls bekannt. Bei transgenen Mäusen mit entsprechendem Defekt häuften sich Beta-Amyloid-Peptide im Gehirn an – eine hinlänglich bekannte Tatsache. In Kolumbien verbreitete sich der erbliche Defekt, lokalisiert auf dem Chromosom 14, über mehr als 300 Jahre innerhalb weit verzweigter Clans. Jetzt zieht es Wissenschaftler in die Region, um mehr zu erfahren. Längst haben sie über Patientenakten und Stammbäume besonders gefährdete Familien identifiziert.

Amyloide – Zwischen Sackgasse und Hoffnungsschimmer

Das Grundproblem: Seit langer Zeit versuchen Molekularbiologen, gegen Beta-Amyloid-Peptide therapeutisch vorzugehen. Doch Francesco Panza, Italien, zog unlängst ein pessimistisches Resümee. Zusammen mit Kollegen recherchierte er in der Literatur nach klinischen Studien, die sich mit Immuntherapien gegen störende Ablagerungen im Gehirn befassen. AN1792, ein Impfstoff gegen Beta-Amyloide, führte bei sechs Prozent aller Patienten zu Meningoenzephalitiden und schied damit aus. Weitere Phase-III-Studien mit Patienten, die an milden bis mittelschweren Formen litten und den humanisierten, monoklonalen Antikörper Bapineuzumab erhielten, waren ebenfalls „enttäuschend“, kommentieren die Autoren. Und Solanezumab, der nächste Kandidat, scheiterte in zwei Phase-III-Studien genauso kläglich. Allerdings lieferten weitere Untersuchungen speziell bei Patienten mit leichtem Verlauf ermutigende Resultate. Aktive Impfstoffe der zweiten Generation wie ACC-001, CAD106 oder Affitope AD02 werden bei Hochrisikopatienten getestet, die noch nicht erkrankt sind.

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„Zentrum der präklinischen Alzheimerforschung“

Jetzt sorgt eine Präventionsstudie mit Crenezumab für weltweite Aufmerksamkeit. „The Lancet Neurology“ kommentierte, Kolumbien sei zum „Zentrum der präklinischen Alzheimerforschung“ geworden. Kein Wunder, hat doch der kolumbianische Neurologe Francisco Lopera über mehr als 25 Jahre hinweg Daten zusammengetragen. Derzeit liegen genetische Informationen zu 5.000 lebenden Personen vor. Jetzt erhalten 300 Probanden zwischen 30 und 60 Jahren, bei denen sich noch keine Symptome bemerkbar gemacht haben, entweder ein Placebo oder Crenezumab. Ihr Risikoprofil wurde zuvor über Gentests bestimmt. Für entsprechende Arbeiten stellen das Banner Alzheimer’s Institute, Genentech und die US-amerikanischen National Institutes of Health rund 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Falls das Verum, in der Prodromalphase verabreicht, Plaques wirksam verhindern würde, hätten Forscher einen Durchbruch erzielt, ohne – wie bei der normalen Verlaufsform – jahrzehntelang auf Resultate zu warten. In Antioquia müssen Neurologen nur zwei bis fünf Jahre Geduld haben, um Resultate zu erhalten und gegebenenfalls Zweifler der Amyloid-Hypothese eines Besseren zu belehren. Über ethische Aspekte mag aber niemand sprechen.

Schlimmer als vermutet

Hinter hoch dotierten Programmen steckt die Sorge vieler Industrienationen, Alzheimer nicht mehr in den Griff zu bekommen. Kürzlich errechneten Forscher der Londoner Alzheimer’s Disease International, die Zahl an Betroffenen könne sich bis 2050 verdreifachen – von derzeit 35 auf 115 Millionen. Nicht alle Wissenschaftler teilen die pessimistische Prognose. So berichtet Carol Brayne, sie arbeitet am Cambridge Institut of Public Health, die Prävalenz von Demenzerkrankungen sei generell in den letzten 20 Jahren zurückgegangen. Ob Morbus Alzheimer ebenfalls darunter fällt, lässt sich laut Kaare Christensen aus dem dänischen Odense aber bezweifeln. Ärzten gelingt es immer besser, Hypertonien und Hypercholesterinämien in den Griff zu bekommen – und Menschen profitieren von besseren kognitiven Fähigkeiten bis in späte Lebensjahre. Alzheimer-Patienten werden davon nur wenig haben. Grund genug für Gesundheitsminister der großen Industriestaaten und Russlands, mehr Geld in die Forschung zu investieren. Die Europäische Union stelle laut Gesundheitskommissar Tonio Borg 1,2 Milliarden Euro in den nächsten zwei Jahren für Projekte der Gesundheitsforschung bereit, auch für Alzheimer. Gemeinsam hoffen Politiker spätestens bis zum Jahr 2025 auf den großen Durchbruch – vielleicht aus Kolumbien.


Quelle: DocCheck News, 18..02.2014  

 

G8-Gipfel

Schulterschluss für den Kampf gegen Demenz

Die G8-Nationen haben beim Demenz-Gipfel am Mittwoch ein Zeichen gesetzt: Die Vertreter schworen sich darauf ein, gemeinsam den Kampf gegen Demenz zu forcieren - und mehr Geld in die Forschung zu investieren.

Von Christoph Fuhr

LONDON. Er sei Demenzpatient, denke in der Gegenwart und wolle gerne wissen, was das Gipfeltreffen für ihn konkret bringen werde, fragte ein älterer Mann am Mittwoch bei der Abschlusspressekonferenz zum G8-Gipfel in London.

Der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt geriet bei seiner Antwort ein wenig ins Schleudern. Er sprach von Aufbruchstimmung, die G8-Staaten wollten viel mehr Geld in die Forschung stecken als bisher, sagte Hunt. Eine Vision für die Zukunft - dafür konnte sich der alte Mann nichts kaufen.

Großbritanniens Ministerpräsident David Cameron hatte zuvor die zerstörerische Kraft der Demenz auf den Punkt gebracht: "Die Krankheit stiehlt Leben, bricht Herzen und zerstört Familien", sagte er.

Alle vier Sekunden wird inzwischen irgendwo auf der Welt bei einem Menschen Demenz diagnostiziert. "Wir müssen handeln, das Prinzip business as usual funktioniert nicht mehr", warnte auch WHO-Chefin Margaret Chan.

Nicht nur Industrieländer betroffen

Die Fakten sind bekannt: Mindestens 35 Millionen Menschen leiden inzwischen an Demenz, 1,4 Millionen sind es in Deutschland. Dies ist kein spezifisches Problem der Industrieländer, warnten Experten.

62 Prozent der Betroffenen leben in Entwicklungsländern und wirtschaftlich schwachen Staaten, ihre Gesundheitssysteme sind nicht im geringsten auf die Herausforderungen dieser Patienten eingestellt.

"Demenzerkrankungen betreffen in einer alternden Bevölkerung immer mehr Menschen. Das ist eine Herausforderung auch für die sozialen Sicherungssysteme", stellte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr in London klar.

Bevor neue wirksame Therapien entwickelt werden könnten, müsse die Grundlagenforschung verstärkt werden. Für eine zukünftige Entwicklung von Medikamenten sei die weitere Erforschung der molekularen Mechanismen neurodegenerativer Erkrankungen eine wesentliche Voraussetzung, so Bahr weiter.

Dei G8-Staaten haben sich vorgenommen, alles zu tun, damit bis 2025 eine wirksame Therapie entwickelt werden kann.

Dazu soll mehr Geld in die Forschung fließen, zugleich sollen Demenz-Studien weltweit forciert werden. Geplant ist außerdem ein internationaler Aktionsplan und ein konsequenter Austausch von Forschungsergebnissen.

Wissenschaftler versuchen inzwischen weltweit, mehr Aufschlüsse über die Entstehung der immer noch rätselhaften Krankheit zu bekommen. Ein Medikament, das eine Verzögerung des Verlaufs bewirken könte, wäre ein Risenerfolg.

Zukunftswerkstatt und Leuchtturm-Projekt

Deutschland habe die Herausforderungen der Demenzerkrankung bereits seit Jahren zum Thema gemacht. Von einem internationalen Austausch könnten alle Beteiligten profitieren., sagte Bahr.

"Wir können unsere Erfahrungen aus dem Leuchtturmprojekt Demenz, der Zukunftswerkstatt Demenz und der Allianz für Menschen mit Demenz sowie dem Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz einbringen."

Als besonders beispielhaft nannte Bahr das von der Bundesregierung gegründete Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen.

Dieses erste deutsche Zentrum der Gesundheitsforschung arbeite mit dem Ziel einer umfassenden Aufklärung der Ursachen dieser Erkrankungsform und beschäftige sich mit der Entwicklung von Präventionsmaßnahmen und innovativen Therapien.

Das Zentrum sei europaweit einzigartig. "So gezielt wird nirgendwo sonst in Europa Demenzforschung betrieben", erläuterte der Minister. Insgesamt fördere die Bundesregierung die Demenzforschung mit einem jährlichen Gesamtvolumen von rund 90 Millionen Euro."

Schlechte Diagnoseraten

Der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt beklagte schlechte Diagnoseraten in seinem Heimatland. Tatsächlich würde bei weniger als der Hälfte der an Demenz erkrankten Briten eine korrekte Diagnose gestellt, sagte er.

Darüber hinaus würden betroffene Patienten in seinem Land immer noch stigmatisiert. Eine Million Menschen sollen in Zukunft in Großbritannien Basiskenntnisse über die Krankheit erhalten, um sich landesweit als "Botschafter" gegen eine Stigmatisierung von betroffenen Patienten stark zu machen.

Immer noch würden die Krankheit auch im Alltagsleben schlecht verstanden, kritisierte Hunt. Symptome von Demenz würden als eine "normale Entwicklung" fehlinterpretiert, die man im Alter eben akzeptieren müsse.

In Großbritannien gibt es derzeit etwa 800000 Demenzpatienten, bis 2040 soll sich diese Zahl verdoppeln. Die jährlichen Kosten liegen bei etwa 23 Milliarden Pfund pro Jahr.

Hunt hofft, dass die Demenz-Konferenz eine ähnliche Wirkung entfalten kanne wie der Gipfel 2005 im schottischen Gleneagles, als die G-8-Staaten sich dem Kampf gegen Aids verschrieben hatten.

"Heute sollte ein Tag sein, der zuversichtlich stimmt", sagte der Minister der BBC. "Wir sind alle entschlossen, dass wir angesichts der alternden Gesellschaft etwas unternehmen."

Stiftung Patientenschutz hat Vorbehalte

Skeptisch über die Ergebnisse aus London äußerte sich der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch.

"Wenn Gesundheitsexperten auf dem G8-Gipfel Zahlen zusammentragen, Prognosen austauschen und feststellen, dass Demenz die Geißel des 21. Jahrhunderts ist, so helfen sie damit nicht den heute und zukünftigen Betroffenen", kritisierte Brysch in einer Mitteilung.

Schon lange gebe es nicht mehr ein Erkenntnis- sondern allein ein Umsetzungsproblem.

Viele deutsche Bundesregierungen hätten das Thema schon auf der Agenda, ohne praktische Lösungen anzubieten. Brysch: "Seit Jahren gibt es verbindliche, wissenschaftliche Standards bei der Versorgung von Demenzkranken. Was fehlt ist ihre praktische Umsetzung, denn die verlangt einen Systemwechsel bei der Gesundheitsversorgung von Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz."

Immer noch würden Krankenhäuser und Ärzte in den G8-Staaten darauf trainiert, Krankheiten zu heilen. Er plädiere nicht gegen Forschung, sondern fordere zur praktischen Hilfe und gesellschaftlichen Akzeptanz auf.

"Wann endlich wird die Gesellschaft so tolerant sein, kognitive Einschränkungen als Teil der Lebenswirklichkeit zu erkennen? Wir brauchen Begleitung und Hilfe statt Ausgrenzung und Abschiebung. Nur so wird es gelingen, der Angstdiskussion tatsächlich zu begegnen.", sagte Brysch. (mit dpa)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar => hier

Quelle: Ärztezeitung , 12/13..12.2013  


Experten warnen
Demenz wird weltweit zur Epidemie

Demenz ist für viele Menschen das Schreckgespenst des Alters, in Deutschland und weltweit. Ausgerechnet in Ländern, die nicht auf die Pflege und den Umgang mit den Betroffenen vorbereitet sind, soll die Zahl der Kranken drastisch steigen.

LONDON/BERLIN. Demenz ist einem aktuellen Bericht zufolge stärker verbreitet als bisher angenommen - und die Zahl der Betroffenen soll bis zum Jahr 2050 weiter drastisch steigen.

Zurzeit lebten weltweit 44 Millionen Menschen mit der Krankheit, berichtete die Organisation Alzheimer's Disease International (ADI) in ihrem aktuellen Bericht.

Diese Zahl werde allerdings bis 2030 auf 76 Millionen und bis 2050 auf 135 Millionen Menschen steigen.

Bericht stützt sich auf 154 Studien

Die Dachvereinigung von 79 gemeinnützigen Alzheimerorganisationen beruft sich bei ihren Zahlen auf die Durchsicht von 154 Studien weltweit, darunter auch mehrere Erhebungen, die seit 2009 in China und in der Subsahara-Region durchgeführt wurden.

Auf Basis der neueren Daten in den bevölkerungsreichen Regionen geht sie von weit mehr Betroffenen aus als der Weltalzheimer-Bericht im September.

Jener Report des Internationalen Alzheimerverbandes schätzte die Zahl der aktuell Betroffenen auf 35 Millionen, welche sich bis 2050 auf 115 Millionen mehr als verdreifachen werde.

In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimergesellschaft rund 1,4 Millionen Menschen mit Demenz. Für das Jahr 2050 geht die Gesellschaft von drei Millionen Betroffenen aus, von denen etwa jeder Dritte über 90 Jahre alt sein wird.

Mehr Kranke in der dritten Welt

Laut dem ADI-Bericht leben derzeit 62 Prozent der Demenzkranken in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen, zum Beispiel in Fernost und in Ländern Afrikas südlich der Sahara. Der Anteil der Demenzkranken in solchen Ländern werde jedoch in den kommenden Jahrzehnten aufgrund der steigenden Lebenserwartung wachsen und im Jahr 2050 schon bei 71 Prozent liegen.

Demenz sei ein globales Problem, das zunehmend Auswirkungen auf Entwicklungsländer habe, erklärte Martin Prince als Mitautor des ADI-Dossiers dazu.

Jene Länder hätten begrenzte Ressourcen und "wenig Zeit, um umfassende Systeme für soziale Sicherheit, Gesundheit und Sozialfürsorge zu entwickeln".

Das ADI-Dossier kritisierte die meisten Staaten als völlig unvorbereitet auf Demenz, die als Krankheit eine "globale Epidemie" darstelle.

Es seien nicht nur die G8-Länder, sondern "alle Nationen, die sich zu einer anhaltenden Intensivierung der Demenz-Forschung verpflichten müssen", sagte ADI-Chef Marc Wortmann mit Blick auf den ersten Demenz-Gipfel der G8-Staaten am 11. Dezember in London.

Entscheiden hierfür sei eine internationale Kooperation sowie Initiativen von Regierungen, Industrie und Non-profitOrganisationen wie Alzheimer-Gesellschaften.

Chancen für die Prävention

Chancen dazu werden bei der Tagung in London diskutiert. So könnten nach Schätzungen der ADI etwa zehn Prozent der Fälle von Demenz durch Verbesserungen der öffentlichen Gesundheit vermieden werden.

Mögliche Maßnahmen hierzu sind etwa Anti-Raucherkampagnen und Strategien gegen Bewegungsmangel, Adipositas, Bluthochdruck und Diabetes. Außerdem können Investitionen in die Bildung auch ein Teil der Demenz-Prävention sein.

Die jährlichen Kosten der Demenz-Edpidemie wurden im Jahr 2010 weltweit auf 604 Milliarden US-Dollar (etwa 450 Milliarden Euro) geschätzt. Die Kosten werden auch in Entwicklungsländern mindestens proportional mit der wachsenden Zahl Betroffener steigen.

Forschung zu Pflege und Therapien

Schwerpunkte der Forschung sind Prävention, Qualität der Pflege von Betroffenen sowie Therapie-Optionen, die den Verlauf der Krankheit bremsen oder stoppen können. Die Investitionen in neue Therapien dürfen dabei nicht ausgespielt werden gegen die Anstrengungen zur Versorgung Betroffener .

Vorbild für globale Strategien gegen Demenz können die Maßnahmen zur Eindämmung der HIV-Epidemie sein. Hierzu gehört der Zugang zu Diagnostik und die Versorgung mit Arzneimitteln in Entwicklungs-Ländern, ebenso wie die Implementierung von globalen Studien.

Demenz-Forschung und die Versorgung Betroffener muss eine hohe Priorität in öffentlichen Gesundheits-Systemen bekommen, fordert die ADI. Bisher hätten nur 13 von 193 Ländern weltweit nationale Demenzpläne implementiert. (dpa/eis)

Quelle: Aerztezeitung, 09.12.2013  

 

Deutschlands Zukunft gestalten

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD

18. Legislaturperiode (2013-2017)

Ausschnitt aus dem Koalitionsvertrag zum Abschnitt " Pflege " (S.83-86)


Quelle: www.spd.de , 27.11.2013  

 

Kostenlose Pflege von Angehörigen zahlt sich aus

Auch Privatpersonen haben einen Anspruch auf Rentenbeiträge von der Pflegekasse
cbu. FRANKFURT, 8. Oktober 2013.

Wer seinenahen Angehörigen pflegt, tut das oft zwar kostenlos, aber zumindest im Hinblick auf die späteren Rentenansprüche zahlt sich di:eses Engagement auch in finanzieller Hinsicht aus.
Für Privatpersonen,die mehr als 14 Stunden in der Woche leisten, muss die Pflegekasse Renten-beiträge abführen.
Doch der Nachweis dieser Mindeststunden gestaitet sich in der Praxis oft schwierig, zumindest wenn
der Medizinische Dienst der Krankenassen nicht die entsprechende Bescheinigung ausstellt.
Das Hessische Landessozialgericht ist den hilfsbereiten Angehörigen nun zur Seite gesprungen.
Nach einem aktuellen Urteil reicht es aus, dass sie ihren Aufwand in einem Pflegetagebuch
notieren (Az.: L1 KR 72/11).
Die Zahl der Angehörigen, die von den Rentenversieherungsbeiträgen profitieren, könnte damit noch einmal deutlich steigen.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es in Deutschland mehr als 400 000 Personen, die sich mehr als14 Stunden je Woche für ihre kranken Angehörigen engagieren und dafür Renten-versicherungsbelträge erhalten. Das Potential ist jedoch wesentlich höher:
Von den aktuell rund 2,4 Millionen Pflegebedürftigen werden etwa 1,6 Millionen zu Hause gepflegt. Davon erhalten etwa 1,1 Millionen Menschen ausschließlich Pflegegeld und werden damit allein von Angehörigen gepflegt.
Die Zahlen. aus der Unfallversicherung sind sogar noch höher: Insgesamt sind mehr als 1,7 Millionen Personen von der gesetzlichen Unfallversicherung als pflegende Angehörige erfasst.

"In der Praxis kommen Nachweisschwierigkeiten bei der Erfassungen der geleisteten Stundenzahl
häufig vor" berichtet auch der Frankfurter Sozialrechtler Martin Schafhausen, Vorstandsmitglied des Deutschen Anwaltvereins. Für diese Personen sei das Urteil eine enorme Erleichterung.
Im konkreten Fall .hatte sich eine 62 Jahre alte Frau um ihre mittlerweile verstorbene
Schwiegermutter gekümmert, die Pflegegeld nach der Pflegestufe 1 bezog.
Für ihre unentgeltliche Arbeit beantragte sie die Prüfung ihrer Rentenversicherungspflicht
und die Zahlung der Beiträge durch die Pflegekasse. Das lehnte die Rentenversicherung mit dem Hinweiab, dass ihr Pflegeaufwand weniger als 14 Stunden in der Woche betrage. Die Frau jedoch argumentierte, der Medizinische. Dienst der Krankenkassen habe den konkreten
tatsächlichen Pflegeaufwand gar nicht ermittelt.
Zum Beweis für die von ihr geleisteten Stunden: legte sie ein Pflegetagebuch und eine Aufstellung über die hauswirtschaftliche Versorgung vor.
Das reichte den Hessischen Landessozialrichtern aus, so lange es ,,,schlüssige und glaubhaft gemachte Angaben" entweder der Pflegeperson oder des Pflegebedürftigen sind.

Der Anspruch auf eine stärkere Absicherung im Alter für Privatleute hat die bisherige schwarz-gelbe Bundesregierung zudem noch. ausgeweitet: Künftig müssen sich die geforderten 14 Stunden
in der Woche nicht einmal mehr auf einen einzigen Pflegefall beschränken.
Stattdessen können die Zeiten, die für die Pflege von zwei oder mehr Pflegebedürftigen benötigt werden, zusammengerechnet werden.
"Damit werden pflegerische Härtefälle ausgeglichen und eine bessereAbsicherung der Pflegenden erreicht", wie das Bundesgesundheitsministerium gegenüber dieser Zeitung betonte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2013  
  

 

Leitartikel zum Welt-Alzheimer-Tag

Was wir heute gegen das Vergessen tun können

Zum Welt-Alzheimer-Tag am 21. September wird an ein Schicksal erinnert, das immer mehr Menschen droht. Zeit auch auf die Möglichkeiten zu verweisen, die ein solches Schicksal lindern oder gar verhindern können.

Von Thomas Müller

Was wir heute gegen das Vergessen tun können© Osterland / fotolia.com

Die Zahl Demenzkranker liegt heute in Deutschland bei rund einer Million.
Morbus Alzheimer ist ohne Zweifel eine der größten medizinischen Herausforderungen für die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts.

Mit wachsendem Wohlstand erreichen nun zum Glück auch die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern ein höheres Alter - mit der Konsequenz, dass auch hier die Alzheimerprävalenz in den nächsten Jahrzehnten drastisch steigen wird.

Die Zahl der Demenzkranken dürfte sich daher von derzeit weltweit etwa 35 Millionen auf das Dreifache im Jahr 2050 erhöhen, und selbst in Deutschland könnte sie sich noch einmal verdoppeln.

Man braucht wenig Fantasie, um sich auszumalen, welche Folgen diese Entwicklung auf die Sozial- und Gesundheitssysteme hat.

Schon jetzt liegen die Kosten für Demenz in den europäischen Volkswirtschaften nach Angaben des European Brain Councils bei rund 105 Milliarden Euro pro Jahr. Jeder Cent, den man heute sinnvoll in die Bewältigung des Problems investiert, könnte sich daher in Zukunft mehrfach auszahlen. Es ist also Zeit zu handeln.

Verbesserung der Versorgung

Eine präventiv wirksame Therapie gegen Alzheimer ist nicht in Sicht, umso wichtiger ist eine leitliniengerechte Versorgung der Erkrankten. Diese mausert sich aber nur langsam von der Ausnahme zum Standard.

Nach Zahlen einer Untersuchung aus 2010 werden in Deutschland noch immer weniger als die Hälfte der Alzheimerpatienten mit Antidementiva behandelt - obwohl diese eine Aufnahme in ein Pflegeheim verzögern und damit auch Kosten sparen helfen. Genaue und aktuelle Zahlen gibt es aber nicht, daran hat offenbar niemand Interesse.

Aufhorchen lassen aber immer wieder Berichte, etwa zur Versorgung von Demenzpatienten in Pflegeheimen.

Ein aktueller Health-Technology-Assessment-Bericht kritisiert eine ungenaue und zu unspezifische Diagnose bei Demenzpatienten - eine Bildgebung und ausführliche Labordiagnostik, wie in der S3-Leitlinie gefordert, ist offenbar weiterhin nicht üblich.

Auch die Unterversorgung von Alzheimerpatienten mit Antidementiva und eine Fehlversorgung mit Neuroleptika werden angeprangert. Hier sind dringend Anreize für Ärzte nötig, Alzheimerpatienten in Pflegeheimen leitliniengerecht zu behandeln.

Neue Ideen gefragt

Doch Therapie und Diagnostik bilden nur die eine Seite: Versorgungseinrichtungen müssen sich auch auf anderen Ebenen demenzgerecht neu ordnen. Modellprojekte gibt es bereits an einigen Kliniken, etwa Desorientierungssysteme, die Alarm schlagen, wenn die Patienten verwirrt umherirren.

Eine ganz andere Herausforderung entsteht mit der Auflösung klassischer Familienstrukturen. Immer mehr Menschen altern in Einsamkeit, weil sie entweder keine Kinder haben oder diese weit entfernt ihr eigenes Leben führen.

Hier sind ebenfalls neue Ideen gefragt, etwa alternative Wohnkonzepte jenseits von Alten- und Pflegeheimen.

Will man eine Verdopplung oder Verdreifachung der Alzheimerprävalenz in naher Zukunft vermeiden, so kann dies derzeit nur über eine verbesserte Prävention gelingen.

Die Quintessenz hunderter epidemiologischer Untersuchungen und einiger Interventionsstudien lautet: Viel körperliche und geistige Aktivität, moderater Lebensstil ohne Nikotin und Alkoholexzesse, gute Blutdruck und Diabeteskontrolle, eine gesunde Ernährung - damit lässt sich vermutlich jede zweite Demenzerkrankung verhindern.

Dies ist zum einen vielen Menschen noch immer nicht klar, zum andern gibt es in unserem Gesundheitssystem kaum Anreize, die einen gesunden Lebensstil fördern.

Globale Koordination der Forschung

Über ein Dutzend erfolglose Studien mit Wirkstoffen gegen Beta-Amyloid - gescheitert ist hier vor allem ein Forschungsmodell.

Noch immer werden neue Alzheimerwirkstoffe weitgehend unkoordiniert von kleinen Gruppen an Universitäten oder im Geheimen in Industrielaboren entwickelt, mit dem Effekt, dass sich alle zugleich auf dasselbe, gerade als hip geltende Ziel stürzen und dann verwundert bemerken, dass es wohl das falsche war.

Mindestens ein Jahrzehnt kostbarer Zeit sowie Milliarden Euros und Dollars wurden auf diese Weise verschwendet. Die bisherige Strategie hat zwar bei der Entwicklung neuer Blutdrucksenker prima funktioniert, weil es beim Blutdruck nur wenige Stellschrauben gibt, die man alle gut kennt.

Bei einer hochkomplexen neurodegenerativen Erkrankung, die man noch nicht einmal ansatzweise versteht, ist es vielleicht etwas naiv zu glauben, es gebe einen einzelnen Schalter, um sie auszuknipsen.

Als Beispiel sollten uns eher die Methoden in anderen Disziplinen dienen: Das als "Gottesteilchen" bekannte Higgs-Boson wurde zwar vom britischen Physiker Peter Higgs schon in den 1960er-Jahren vorhergesagt.

Um es im vergangenen Jahr endlich nachzuweisen, war jedoch die größte und komplexeste Maschine nötig, die die Menschheit je gebaut hatte - wobei tausende Forscher Hand in Hand zusammenarbeiteten.

Mit weniger Aufwand ist vermutlich auch die vor 100 Jahren von Alois Alzheimer beschriebene Krankheit nicht zu besiegen.

Quelle: Ärztezeitung, 20.09.2013

 

 

Wie man der Demenz davonläuft

Körperliche Fitness schlägt alle anderen Präventivmaßnahmen für Demenz.
Erklären können Forscher den Effekt allerdings noch nicht.

Testen Sie Ihr Wissen: Welche Maßnahme vermindert das Risiko, dement zu werden, am effektivsten?

Lösung A: Regelmäßiges Lösen von Denksportaufgaben?
B: Regelmäßige Lektüre einer Tageszeitung?
C: Regelmäßige Einnahme von Ginkgo biloba?
D: Regelmäßiger maßvoller Genuss von Rotwein?
Oder E: Regelmäßiges Joggen?
Die wenigsten wüssten, dass sie ihrer Hirnleistung den größten Dienst erweisen, wenn sie aus all diesen Tätigkeiten das Joggen wählten. Körperliche Aktivität bringt offenbar den Geist ebenfalls auf Trab, wie immer die Ausgangsposition aussehen mag: Noch geistig fitte Probanden können mit Bewegung und Sport ihr Denk-, Lern- und Argumentationsvermögen schärfen, wenn Demenz beginnt, wird die nachlassende Gedächtnisfunktion durch körperliche Aktivität verbessert und jene Personen, die etwa wegen familiärer Veranlagung ein höheres Demenzrisiko aufweisen, können damit den Beginn der Erkrankung aufhalten - so lassen sich eine Vielzahl von früheren Forschungsarbeiten zusammenfassen und jüngste Arbeiten bestätigen dies.

Objektiver Test auf dem Laufband

Es lohnt sich, nicht zu lange damit zu warten, den Körper zum Einsatz zu bringen: Wer sich bereits in den mittleren Jahren laufend quält, ist im Alter nicht nur körperlich, sondern auch geistig fitter.
Im Rahmen einer aufwändigen finnischen Studie wurden fast 20000 Teilnehmer über den Zeitraum von 1971 bis 2009 beobachtet. Ihre Fitness wurde auf dem Laufband objektiv getestet - das macht das Ergebnis im Vergleich zu sonst zugrunde gelegten Selbstauskünften zur eigenen Fitness besonders verlässlich.
Legt man fünf verschiedene Fitnesslevel zugrunde, so war das Risiko, an irgendeiner Form von Demenz zu erkranken, in der Gruppe mit der besten Fitness um ein gutes Drittel geringer als bei denen, die sich als die Schlaffsten erwiesen („Annals of Internal Medicine“, Bd.158, S.162).

Das bestätigen auch die Ergebnisse einer weiteren Studie mit einer Gruppe von fast 15000 Menschen, deren körperliche Leistungsfähigkeit ebenfalls objektiv auf einem Laufband gemessen wurde.
Gehörte man zu den zwei Dritteln derer mit mittleren bis guten Fitnesswerten, so sank das Risiko, an einer Demenz zu sterben, gegenüber jenen, die das letzte Drittel bildeten, um die Hälfte („Medical Science of Sports and Exercise“, Bd.44, S.253).
Und ein Vergleich von neunzig Zwillingspaaren, von denen jeweils einer an Demenz erkrankt war, ergab, dass sich das Demenzrisiko bei jenen, die Sport getrieben hatten, halbierte („Journal of Gerontology and Biological Science and Medical Science“, Bd.63, S.62). Vielfach bestätigt werden diese Beobachtungen durch Tierversuchsmodelle, die zeigen, dass Lernfunktionen und Gedächtnis bei Tieren mittels körperlicher Aktivität oder Inaktivität gezielt beeinflusst werden können.

Bremse für den Verfall

Körperliche Aktivität wirkt jedoch nicht nur vorbeugend.
Ende letzten Jahres lautete das Ergebnis der LADIS-Studie (Leukoaraiosis and Disability Study), dass Bewegung dem Denkapparat auch dann noch guttut, wenn sich bereits kognitive Einbußen abzuzeichnen beginnen. Körperliche Aktivität bremste im Verlauf einer dreijährigen Beobachtungsphase den geistigen Verfall erkennbar ab.
Wichtig ist dabei festzuhalten, dass dies unabhängig von anderen Faktoren gelang, die ebenfalls Einfluss auf den Verlauf einer Demenz nehmen können - etwa das Alter selbst, der Ausbildungsgrad, Substanzveränderungen im Gehirn, Schlaganfall und Diabetes („Stroke“, Bd.43, S.3331).

Fazit: Bewegung ist per se gut für den Kopf. Daher lässt sich nicht so ohne weiteres erklären, warum die körperliche Fitness auf die geistige so vorteilhaft abfärbt. Das vordergründig stimmige Deutungsmodell lautete nämlich: Wer etwas für seine Herz-Kreislaufgesundheit tut, indem er Sport treibt und sich bewegt, schont die Blutgefäße. Denn hoher Blutdruck, hohe Blutfette, Diabetes, und andere Risiken, die die Gefäße - und auch die das Hirn versorgenden Arterien - angreifen, ziehen weniger Schäden nach sich, wenn die kardiovaskuläre Fitness stimmt. Das wiederum verringert das Risiko kleinerer Schlaganfälle und Durchblutungsstörungen, die für die vaskuläre, durchblutungsabhängige Demenz verantwortlich gemacht werden.

Aber körperliche Anstrengung verringert offenbar genauso das Auftreten der nicht vaskulär bedingten Alzheimer-Demenz und das Risiko für Demenzen insgesamt - und dies unabhängig von den Erkrankungen, die die Durchblutung beeinträchtigen. Tatsächlich ergeht man sich deshalb noch in Vermutungen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Eine gute Durchblutung soll helfen, zelluläre Abfallprodukte besser zu entsorgen, mehr schützende Substanzen zur Verfügung zu stellen und dafür sorgen, dass Regenerationsprozesse im Gehirn durch neu entstehende Nervenzellen besser funktionieren - Verringerung des oxidativen Stresses heißt eine allgemein gehaltene Begründung, die eher als Mantra denn als wissenschaftliche Erklärung zu verstehen ist, es gibt keine wirklich tragfähige.

Über Art und Ausmaß der körperlichen Betätigung, die zu empfehlen seien, herrscht keine Einigkeit. Schon ein täglicher Spaziergang von zwanzig Minuten soll helfen, heißt es bei den einen, andere legen die Latte höher und fordern mindestens viermal wöchentlich als unteres Limit stramme Märsche mit dem Hund, besser aber ein nicht allzu bequemes, durchaus schweißtreibendes Bewegungsprogramm in Form von Laufen, Teamsport, oder Gymnastik für jeweils vierzig Minuten.
Die Angaben schwanken bedenklich unwissenschaftlich zwischen nicht beweisbarer Genauigkeit - etwa, jeder Extrakilometer pro Woche reduziere das Risiko des geistigen Verfall um dreizehn Prozent - und vagen Ratschlägen, wie dem, man müsse nicht zum Marathonläufer werden, es nütze schon, wenn man sich einmal pro Woche körperlich betätige.

Alex Dregan vom Kings College in London, der eine der längsten Verlaufsstudien zum Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Fitness und Demenz leitet und die jüngste Auswertung soeben in der Maiausgabe der Zeitschrift „Age Ageing“ veröffentlicht hat, pocht jedenfalls darauf, dass jede Form von Bewegung nützlich sei (Bd.42, S.338). Die Mannschaft der Mayo Klinik bezeichnete körperliche Betätigung einmal als „best bet“ im Kampf gegen Alzheimer.
Ronald Petersen, der Direktor des Alzheimer Forschungszentrums an der Mayo Klinik fasst es so zusammen: „Regelmäßige körperliche Aktivität ist nach derzeitigem Wissen vermutlich die beste Alzheimerprävention - besser als Medikamente, besser als intellektuelle Tätigkeiten, besser als Nahrungsergänzungsmittel (wie Vitamine) und besser als Diäten“ (www.mayoclinic.com/health/alzheimers/ MY00001/METHOD=print).

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2013  
  

 

In eigener Sache ...

"Dankeschön im Scheckkartenformat"

Der Landkreis belohnt ehrenamtliches Engagement

Ehrenamt lohnt sich.
Das können sich jetzt tatsächlich jene 75 Landkreisbürger sagen (darunter auch Herr Peter Wagner als Leiter der SENIORENBERATUNG ONLINE, Anm.d.Verf.), die am Dienstagabend aus der Hand von Sozialministerin Christine Haderthauer die ersten Ehrenamtskarten im Landkreis München erhielten.
(=> s. Video)
Eine Karte, die ihr Ehrenamt etwas entlohnen wird, vor allem aber eine Wertschätzung der Arbeit ist, sagte Landrätin Johanna Rumschöttel.
Sie sprach vom „Dankeschön im Scheckkartenformat“.

Mit der Karte, so Ministerin Haderthauer, würden die Besitzer zum „ersten Werbeträger und Botschafter des Ehrenamts im besten Sinn“.
Sozialministerin Christine Haderthauer dankte den Gästen für ihren Dienst an den Mitmenschen: „Was Sie leisten, könnten wir nicht organisieren.“
Das Ehrenamt sei nicht austauschbar, da es „sehr persönliche Spuren hinterlässt“.
Gerade Bayern sei mit 36 Prozent ehrenamtlich tätigen Bürgern in Deutschland führend, sagte die CSU-Politikerin.


Quelle: Münchner Merkur, 07.02.2013
  




Gedächtnisstörungen

Öko-Test nimmt Ginkgo-Mittel unter die Lupe

ETTLINGEN. Das Magazin "Öko-Test" hat zehn Ginkgo-Präparate zur Behandlung bei Gedächtnisstörungen getestet. Nur eines davon, Tebonin® konzent 240 mg, bekam die Note "gut" (Öko-Test-Magazin Nr. 4/April 2013, S. 50-57).

Von den neun anderen untersuchten Ginkgoprodukten erhielt eins die Note "befriedigend", alle übrigen nur ein "ausreichend" oder gar "mangelhaft".

Laut Testbericht kam es in der pharmakologischen Begutachtung darauf an, ob sich ein Arzneimittel in gut durchgeführten Studien für die beanspruchten Anwendungsgebiete als wirksam erwiesen habe, wie das Unternehmen Dr. Willmar Schwabe mitteilt.

Mit Ausnahme von Tebonin® lautet das Fazit, dass die Wirksamkeit wegen widersprüchlicher Studienlage nicht richtig belegt werden könne. "Öko-Test" verweist darauf, dass die in Studien gewonnenen Ergebnisse nicht automatisch auf alle Präparate übertragbar seien.

Ausschlaggebend für seine positive Bewertung von EGb 761® nannte "Öko-Test" das Urteil des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen von 2008 (Abschlussbericht A05-19B. Köln: IQWiG; 2008).

Das IQWiG erkannte nach umfangreicher Studienauswertung einen Nutzen für das Therapieziel "Aktivitäten des täglichen Lebens" an, wenn Patienten mit Alzheimer-Demenz täglich eine Dosis von 240 mg EGb 761® einnehmen. (eb)


Quelle: Ärztezeitung, 30.04.2013  
  

 

Die Antidementiva im Überblick

Für Demenzpatienten und ihre Familien steht oft nicht die kognitive Leistung im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, im Alltag zurechtzukommen. Antidementiva helfen dabei.

Von Thomas Müller

NEU-ISENBURG. Mit Antidementiva bleiben die Patienten länger im Besitz ihrer geistigen Kräfte, auch die Heimaufnahme lässt sich verzögern. Das wurde in placebokontrollierten Studien dokumentiert:

Memantine (etwa Axura®, Ebixa®): In einer Analyse mit Daten von 2300 Alzheimerpatienten waren die kognitiven Fähigkeiten mit Memantine nach einem halben Jahr sowohl bei moderater als auch bei schwerer Demenz signifikant besser als mit Placebo.

Und in einer Metaanalyse mit Daten von 1400 Patienten kamen diese mit der Arznei auch im Alltag besser zurecht und zeigten seltener Verhaltensprobleme als mit Placebo. Zudem benötigten Patienten mit Memantine pro Monat 400 statt 450 Stunden Betreuung und Pflege.

Donepezil (etwa Aricept®). In Studien mit Donepezil wurde die Aufnahme in ein Pflegeheim im Schnitt um 21 Monate hinausgezögert, zudem halbierte sich der Wert des neuropsychiatrischen Index (NPI) in einer Studie von 25 auf 12 Punkte.

In einer Studie mit knapp 300 Patienten profitierten Patienten von Donepezil auch dann noch, wenn die Therapie im schweren Krankheitsstadium fortgeführt wurde. Die kognitive Leistung war besser als bei Patienten, bei denen die Arznei im schweren Stadium der Erkrankung abgesetzt wurde.

Galantamin (etwa Reminyl®) konnte in Studien die Heimaufnahme um etwa zwei Jahre hinauszögern und den Pflegeaufwand um etwa eine Stunde täglich reduzieren.

Darüber hinaus kamen die Patienten unter dieser Therapie im Alltag besser zurecht als ohne Medikation: Verhaltensstörungen nahmen ab, mit Placebo nahmen solche Störungen dagegen zu.

In einer weiteren Studie konnte man Alzheimerkranke mit Galantamin pro Tag im Schnitt 2 Stunden und 20 Minuten länger alleine lassen als zuvor, unter Risperidon-Therapie waren es 1 Stunde und 40 Minuten.

Mit Rivastigmin (etwa Exelon®) traten nach zweijähriger Therapie in einer Studie Stimmungsstörungen und Halluzinationen seltener auf als mit Placebo. Die Arznei ist auch als transdermales Pflaster erhältlich.

Damit treten Übelkeit und Schwindel seltener auf als mit einer oralen Rivastigmin-Therapie, und die Alltagskompetenz der Patienten bleibt nach den Ergebnissen von Studien stabiler.

Quelle: www.springermedizin.de, 15.01.2013

 

Wohnen für Demenzpatienten

Schräge Teller und die Klingelmatte

Es gibt immer mehr Menschen mit Demenz - entsprechende Wohnungen aber nur wenige. Ein Blick in ein Muster-Zuhause.

Von Dirk Schnack

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Die Musterwohnung Demenz in Norderstedt: Auf den ersten Blick eine normale Wohnung für alte Menschen.© Dirk Schnack

NORDERSTEDT. Schwarzweiß-Fotos an den Wänden erinnern an vergangene Tage. Neben dem Sofa liegt die Illustrierte mit Geschichten über den Adel.

Die Wohnung im Norderstedter Kirchenweg stimmt bis in kleinste Details mit den vier Wänden von Millionen Rentnern in Deutschland überein - sie ist eine Musterwohnung.

Aber eine Musterwohnung für Menschen mit Demenz, wie man auf den zweiten Blick sieht. Große Piktogramme auf den Schränken zeigen, wo sich das Geschirr verbirgt. Alles in der Wohnung ist kontrastreich, damit es besser zu unterscheiden ist.

Teller sind abgeschrägt, so kann die Suppe leichter ausgelöffelt werden. Vor dem Bett liegt eine Klingelmatte, damit Angehörige wissen, wann der alte Mensch aufsteht, überall sind Handläufe angebracht.

Auf reflektierende Bodenbeläge wird verzichtet - sie lösen bei dementen Menschen Angst aus. Dies sind nur einige Beispiele, die dementen und zum Teil auch nicht erkrankten Senioren das Wohnen in den eigenen vier Wänden erleichtern.

Eingerichtet haben die 120 Quadratmeter große Wohnung mit Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Bad die Alzheimer Gesellschaft und das Kompetenzzentrum Demenz Schleswig-Holstein.

Hier wird ehrenamtlichen Wohnraumberatern gezeigt, was bei einer Einrichtung für Demenzerkrankte bedacht werden muss.

Obwohl die Mehrzahl alter Menschen in der eigenen Wohnung lebt, sind diese meist nicht altersgerecht ausgestattet. Dies hat zur Folge, dass vermeidbare Unfälle passieren oder die Bewohner vorzeitig in ein Pflegeheim umziehen, weil sie sich das Alleinleben nicht zutrauen.

Netzwerk ehrenamtlicher Wohnberater

Die Alzheimer Gesellschaft und das Kompetenzzentrum sehen darin einen deutlichen Verlust an Lebensqualität und teils auch der eigenen Persönlichkeit.

"Von bundesweit elf Millionen Wohnungen und Häusern sollten 2,5 Millionen angepasst und sicher ausgestattet sein. Es sind aber nur 175.000", hieß es zur Eröffnung der Musterwohnung.

Dass die im Norden steht, ist kein Zufall. Schleswig-Holstein ist das Bundesland mit der höchsten stationären Versorgungsquote in der Pflege. Bundesweit liegt diese nach Angaben der Initiatoren bei 30,7 Prozent, im Norden dagegen bei 40,5 Prozent.

Die Politik ist von dem Projekt überzeugt: Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) sprach zur Besichtigung in Norderstedt von einem "lebensbejahenden Projekt", das vielen Menschen helfen wird. Eine Förderung des Bundesfamilienministeriums ermöglicht den Initiatoren eine geringere Mietbelastung.

Parallel zur Einrichtung der Wohnung hat das Kompetenzzentrum landesweit mit dem Aufbau eines Netzwerks ehrenamtlicher Wohnraumberater begonnen. In allen Kreisen werden dafür Freiwillige in einem einwöchigen Seminar qualifiziert.

In Norderstedt folgt nach der Theorie ein Praxistag in der Musterwohnung. Dort erproben sie mithilfe von Alterssimulationsanzug, Gehhilfe, Rollator und Rollstuhl verschiedene Barrieren und Schwierigkeiten von Senioren.

Bislang sind in der ehrenamtlichen Hilfe für alte Menschen vorwiegend Frauen aktiv. Mit dem neuen Modul hoffen die Initiatoren, auch viele Männer anzusprechen.

Quelle: Ärztezeitung, 18.12.2012  

 


Gebrechlich zur Depression

Von Thomas Müller

Bei all den Sorgen um die vielen Demenzkranken, die eine alternde Gesellschaft mit sich bringt, sollten wir eines nicht vergessen: Auch die Depression ist eine Erkrankung des Alters - die Inzidenz nimmt jenseits der 65 Jahre drastisch zu.

Die Bevölkerungsentwicklung vor Augen darf man also nicht nur eine Vervielfachung der Zahl der Demenzkranken in den nächsten Jahrzehnten erwarten. Ähnlich könnte sich die Zahl der Depressiven entwickeln, wenn, wie eine aktuelle Studie andeutet, jede fünfte Frau und sicher ein ähnlich hoher Anteil der Männer im Alter ins Stimmungstief fallen. Im Gegensatz zu Demenzkranken kann man Depressive aber oft gut behandeln.

Das Problem liegt eher darin, die Krankheit zuverlässig zu diagnostizieren. Da bei älteren Menschen der körperliche Niedergang mit großem Abstand der Hauptgrund für die schlechte Stimmung ist, sollte es Ärzten zumindest nicht schwerfallen, gefährdete Patienten zu erkennen und nach ihrem seelischen Befinden zu fragen.

Sicher, gegen die Gebrechlichkeit im Alter gibt es kaum Medikamente, aber nimmt man ältere Menschen ernst und lässt sie mit ihren Beschwerden nicht allein, dann dürfte dies bei ihnen bereits schon antidepressiv wirken.

 

Quelle: Aerztezeitung, 13.11.2012  



Immer mehr Klinik-Patienten dement

Eine neue Herausforderung für Deutschlands Kliniken: Demenz. Immer mehr ältere Klinikpatienten leiden daran, bis 2020 könnte die Zahl drastisch steigen. Experten sprechen von einem "dramatischen" Problem.

Immer mehr ältere Patienten in Krankenhäusern haben eine Demenz und stellen die Kliniken vor neue Herausforderungen.

Das sei ein "dramatisches Problem", sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), Privatdozent Werner Hofmann am Donnerstag in Bonn auf dem Kongress der Gesellschaft.

"Ab 2020 wird jeder fünfte Krankenhauspatient unter einer Demenz leiden." Die Kliniken würden von dieser Entwicklung überrollt und seien bislang nicht ausreichend auf die Behandlung und Pflege von Demenzkranken eingestellt.

Mit der Demenz gingen Stürze, Schenkelhalsbrüche, Herzinfarkt und akute Infektionen einher, erinnerte Hofmann. Deshalb lägen auch in Kliniken der Inneren Medizin und Chirurgie viele Demenzkranke.

Dort habe bereits etwa jeder Vierte die Erkrankung. Das zumeist für solche Fälle ungeschulte Personal sei schon in der Notaufnahme mit diesen Patienten überfordert.

Hofmann forderte, Krankenhäuser alters- und demenzgerecht zu gestalten. Optimal wären Spezialstationen für die Erkrankten, in denen Geriater zusammen mit den Fachärzten solche Patienten betreuten.

Derzeit gebe es insgesamt 220 Betten verteilt auf 18 geriatrische Kliniken, in denen das möglich sei.



Quelle: Aerztezeitung, 13.09.2012
  

 

Rheinland-Pfalz plant Demenzdorf

ALZEY (dpa). In Rheinhessen ist der Weg frei für die Planung des nach Ministeriumsangaben ersten Demenzdorfes in Deutschland.

Der Stadtrat von Alzey habe mit großer Mehrheit entschieden, das dafür vorgesehene Grundstück bis Ende 2013 für einen Investor freizuhalten, sagte ein Sprecher der Stadt am Dienstag.

Nach Auskunft des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums wäre das Demenzdorf bundesweit die erste Einrichtung dieser Art. Rund 120 demente Menschen sollen in dem Dorf leben und von Pflegekräften betreut werden.

Auf rund 12.000 Quadratmetern würden ein- und zweigeschossige Häuser entstehen, sowie unter anderem Arzt- und Physiotherapiepraxen, ein Friseur und ein Supermarkt.

Der Investor könne nun prüfen, ob das Projekt für ihn wirtschaftlich umsetzbar sei. Vorbild ist die Anlage "De Hogeweyk" bei Amsterdam in den Niederlanden.

Quelle: Aerztezeitung, 26.06.2012  

 

Saarland prüft Demenzregister

SAARBRÜCKEN (kud). Das Saarland erwägt die Einführung eines Demenzregisters.

Gesundheitsminister Andreas Storm sagte, der massiven Zunahme von Pflegefällen müsse man auch durch eine Intensivierung der Forschung begegnen.

Die Landesregierung prüfe deshalb, ob das Saarland hier einen eigenen Beitrag leisten könne. Eine Möglichkeit wäre die Errichtung eines Demenzregisters nach dem Vorbild des bereits seit langem bestehenden Krebsregisters.

Quelle: Aerztezeitung, 02.06.2012  

 

Deutscher Ethikrat:
Selbstbestimmung Demenzbetroffener achten und bewahren

PRESSEMITTEILUNG 04/2012
Berlin, den 24. April 2012

Der Deutsche Ethikrat stellt heute seine Stellungnahme "Demenz und Selbstbestimmung" vor, mit der er zu einem besseren Verständnis der Situation von Menschen mit Demenz beitragen und Empfehlungen geben will, um einen achtsameren und die Selbstbestimmung wahrenden Umgang mit den Betroffenen zu fördern ... mehr

Quelle: Deutscher Ethikrat/Pressemitteilungen 04/12   

 

Pflegereform steht vor der Aufspaltung

Gesundheitsminister Bahr bastelt eifrig an der Pflegereform - mit Spannung wird der Gesetzentwurf erwartet. Möglicherweise werden es sogar zwei Gesetze - womöglich nur, um die Zustimmungspflicht des Bundesrates zu umgehen.

BERLIN (af/sun). Mit Spannung erwartet wird der Gesetzentwurf zur Pflegereform aus dem Gesundheitsministerium (BMG). Er solle in den nächsten Wochen vorliegen, heißt es in der Regierungskoalition.

Möglicherweise sind bis dahin zwei Gesetze daraus geworden.
Eines, das die Ausweitung der Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung regelt und eines für die Förderung der privaten Vorsorge zur Absicherung der Pflege.

Die im November alleine vom Gesundheitsministerium formulierten Eckpunkte zur Pflegereform hatten noch beide Elemente zusammenaufgeführt.
Diese sehen vor, den Beitrag zur Pflegeversicherung ab 2013 um 0,1 Prozentpunkte auf 2,05 Prozent der Bruttoeinkommen zu erhöhen, für Kinderlose etwas mehr.

Außerdem will die Regierungskoalition Anreize zur privaten Absicherung von Pflegerisiken setzen.

FDP hat sich noch nicht entschieden

Im BMG geht man fest davon aus, dass das Gesetzesverfahren gesplittet wird. Dies sei schon immer so vorgesehen gewesen, sagte eine Sprecherin der "Ärzte Zeitung". In der FDP-Fraktion wird dies noch nicht so klar gesehen. Das sei noch nicht im Konsens so besprochen, hieß es gegenüber der "Ärzte Zeitung" unter anderen aus dem Büro der pflegepolitischen Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus.

Das Bundesfinanzministerium (BMF) bleibt dagegen vage. "Es steht noch nicht fest, ob es zwei Gesetze geben wird", sagte ein Sprecher der "Ärzte Zeitung". Das BMF sei zuständig für die Förderung der geplanten privaten Pflegezusatzversicherungen. Die seien allerdings Teil des Gesamtpakets.

Ob die Pflegereform in ein oder zwei Gesetze gegossen wird, kann für eine mögliche Beteiligung des Bundesrates von Bedeutung werden. Nur die Anreize für die Vorsorge wären voraussichtlich zustimmungspflichtig. Die von der Opposition als völlig unzureichend gegeißelten Leistungsausweitungen vor allem für Demenzkranke wären dem Einfluss der Länderkammer allerdings entzogen.

Opposition spricht von zwei "Mini-Reförmchen"

SPD-Politikerin Carola Reimann kritisierte die Pflegereform der Regierung. "Bisher hat die Koalition noch gar nichts Substanzielles vorgelegt - weder in einem noch in zwei Gesetzesvorhaben." Es sei zu befürchten, dass es nur kosmetische Korrekturen geben werde.

Zweifel auch bei den Grünen: "Jetzt will Schwarz-Gelb ihre Mini-Pflegereform auch noch in zwei Mini-Reförmchen teilen", sagte Grünen-Politikerin Elisabeth Scharfenberg. FDP und Union sollten lieber erklären, wie sie sich die private Vorsorge überhaupt vorstellen, bevor sie überlegten, zu welchen Verfahrenstricks sie dafür greifen müssen.

"Die diskutierte Aufspaltung in zwei Gesetze ist der klägliche Versuch von Bundesgesundheitsminister Bahr, die geplante ungerechte private Pflegezusatzversicherung auf Gedeih und Verderb in trockene Tücher zu bringen", sagte Kathrin Senger-Schäfer von der Fraktion Der Linken. Bundesfinanzminister Schäuble eile ihm dabei zur Hilfe. 
            

Quelle: Aerztezeitung 09.01.12  



Alzheimer-Mechanismen aufgedeckt

Forscher in Leipzig und Rostock haben Grundlagen der Alzheimer-Krankheit entdeckt. Sie beobachteten, auf welchem Weg giftige Eiweiße in bestimmte Hirnregionen gelangen können und fanden ein Enzym, das deren Abtransport aus dem Hirn verhindert.

Von Joachim Mangler

ROSTOCK/LEIPZIG. Deutsche Forscher haben einige grundlegende Erkenntnisse zur Alzheimer-Erkrankung gewonnen. Leipziger Mediziner beobachteten exakt, wie schädliche Eiweiße über Nervenfasern in den Hippocampus gelangen.

Diese Region spielt im Hirn eine zentrale Rolle für die Gedächtnis-Bildung. Mediziner in Rostock machen dagegen eher einen fehlenden Abtransport der Alzheimer-Eiweiße für die Erkrankung verantwortlich.

Eine Studie mit genmanipulierten Mäusen zeige, dass ein Defekt beim sogenannten Transporter ABCC1 einen zwölffachen Anstieg der schädlichen Alzheimer-Peptide (Amyloide) im Gehirn zur Folge habe, berichten sie (Acta Neuropathol 2011; 121: 705).

Nach Angaben des Rostocker Forschungsleiters Jens Pahnke ließ sich zudem mit dem bereits seit Jahrzehnten bekannten Arzneistoff Thiethylperazin die Menge der Alzheimer-Eiweiße innerhalb von 25 Tagen um rund 70 Prozent senken.

Es sei somit das erste Mal gelungen, die Funktion des ABCC1-Transporters für die Alzheimer-Demenz aufzudecken und auch medikamentös zu beeinflussen.

Es gelte nun, dieses Medikament weiterzuentwickeln. Pahnke ging davon aus, dass bis zum Einsatz noch weitere fünf Jahre vergehen könnten.

"Bei jedem Menschen bilden sich im Gehirn als normaler Vorgang des Alterns die giftigen Stoffe, aus denen die Alzheimer-Plaques bestehen", sagte Pahnke. Bei gesunden Menschen klappt jedoch der Abtransport aus dem Gehirn.

Das Resultat der Ablagerungen sei das Absterben der Nervenzellen und somit die Entwicklung einer Demenz.

"Wie diese Kaskade bei 99 Prozent der Alzheimer-Patienten funktioniert, ist völlig unbekannt. Nur bei den wenigen familiären Alzheimer-Fällen kennen wir die Ursachen", sagte Pahnke.

Bislang seien keine Behandlungsmöglichkeiten bekanntgewesen, die das Erkrankungsalter oder den Verlauf signifikant beeinflussen können.

Derzeit suche das 20-köpfige Forscherteam deutschlandweit Patienten, um die Funktion des neuen Transporters besser bestimmen zu können.

Es sei bekannt, dass dessen Funktion durch Lebensmittel, Medikamente oder andere Umwelteinflüsse zu beeinflussen sei. Dafür suchen die Rostocker insbesondere ältere Ehepaare, bei denen ein Partner unter Alzheimer leidet.

Nach Worten von Wolfgang Härtig, Alzheimer-Experte von der Universitätsklinik Leipzig, ist die Arbeit Pahnkes ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Alzheimer-Therapie.

Zwar seien in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten der Diagnose enorm fortgeschritten, bei der Behandlung gebe es aber Stagnation.

Die bisherigen Arzneimittel wirkten nicht bei allen Patienten und dann auch nicht länger als ein Jahr. "Jede neue Idee wie die von Pahnke ist da extrem willkommen", sagte Härtig.

Das Team um Prof. Steffen Roßner von der Universität Leipzig stellte am Donnerstag einen Weg vor, wie die bösartigen Proteine über Nervenfasern in den Hippocampus gelangen können.

"Wir haben die Transportprozesse in Echtzeit beobachtet", erklärte Roßner nach einer Pressemitteilung der Universität Leipzig. Zudem spiele das Enzym Glutaminyl-Zyklase eine Rolle bei der Krankheitsentstehung.

"Es ist das erste Mal, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten der Zusammenhang zwischen diesem Enzym und dem bösartigen Amyloid nachgewiesen wurde", sagte der Hirnforscher.

Nun teste sein Team in Zusammenarbeit mit der Hallenser Firma Probiodrug Wirkstoffe, die das Enzym einmal hemmen sollen. Sie haben ihre Arbeit im Fachjournal "Acta Neuropathologica" veröffentlicht. (dpa)


Quelle:  Aerztezeitung 02.09.11 


Antidementiva steigern die Lebensqualität

Frühe Arzneitherapie hält Alzheimer-Kranke länger selbstständig, beugt Verhaltensproblemen vor und erhöht so die Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen.

Von einer antidementiven Therapie wird erwartet, dass sie den kognitiven Abbau bremst. Dies ist bei M. Alzheimer sowohl mit den drei Cholinesterase-Hemmern Donepezil, Galantamin und Rivastigmin als auch mit Memantine möglich.

Die kognitiven Leistungen werden dabei etwa ein Jahr lang verbessert oder stabilisiert, danach nehmen sie trotz Therapie wieder ab, bleiben aber auf höherem Niveau als ohne Therapie. Dabei gilt: Je früher mit der Therapie gestartet wird, um so höher ist das Niveau, das sich noch erhalten lässt.

Für Demenzkranke und ihre Familien sind aber nicht nur Gedächtnisstörungen ein Problem, schwerer wiegen meist Verhaltensauffälligkeiten wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Agitation, Depressionen und Apathie.

Diese erschweren die Betreuung und tragen dazu bei, dass die Patienten früh in ein Pflegeheim kommen. So sind nach Untersuchungen bei leichter Alzheimer-Demenz im Schnitt noch etwa 15 Stunden pro Woche für die Pflege der Patienten nötig, bei mittelgradiger Demenz sind es 45 Stunden und bei schwerer Demenz bereits 70 Stunden.

Diese Last zu mindern - dazu können Antidementiva ebenfalls beitragen: In Studien verspürten 50 bis 70 Prozent der Angehörigen einen Nutzen der antidementiven Therapie sowohl bei der Leistungsfähigkeit und Alltagskompetenz der betreuten Patienten als auch bei der eigenen Lebensqualität. Dies bestätigen inzwischen viele Untersuchungen:

Memantine (Axura®, Ebixa®) ist zugelassen bei moderater bis schwerer Demenz, dies entspricht etwa einem MMST-Wert von weniger als 20 Punkten. In einer Analyse mit Daten von 2300 Alzheimer-Patienten waren die kognitiven Fähigkeiten mit Memantine nach einem halben Jahr sowohl bei moderater als auch schwerer Demenz signifikant besser als mit Placebo.

Und in einer Metaanalyse mit Daten von 1400 Alzheimer-Kranken kamen die Patienten mit der Arznei auch im Alltag besser zurecht und zeigten seltener Verhaltensprobleme als mit Placebo. Zudem benötigten Patienten mit Memantine pro Monat 400 statt 450 Stunden Betreuung und Pflege.

Donepezil (Aricept®) ist wie die anderen beiden Cholinesterase-Hemmer bei leichter bis mittelschwerer Demenz zugelassen. Dieses Stadium entspricht etwa einem MMST-Wert von 26 bis 10 Punkten.

In Studien mit Donepezil wurde die Aufnahme in ein Pflegeheim im Schnitt um 21 Monate hinausgezögert, zudem halbierte sich der Wert des neuro-psychiatrischen Index (NPI) in einer Studie von 25 auf 12 Punkte. Patienten benötigen mit dem Antidementivum im Schnitt etwa eine Stunde weniger Pflege pro Tag als mit Placebo.

Galantamin (Reminyl®) konnte in klinischen Studien die Heimaufnahme um etwa zwei Jahre hinauszögern und den Pflegeaufwand ebenfalls um etwa eine Stunde täglich reduzieren. Zudem kamen die Patienten im Alltag besser zurecht als ohne Medikation; Verhaltensstörungen nahmen ab, mit Placebo nahmen solche Störungen dagegen zu.

In einer weiteren Studie konnte man Alzheimer-Patienten mit Galantamin pro Tag im Schnitt 2 Stunden und 20 Minuten länger alleine lassen als zuvor, mit Risperidon waren es 1 Stunde und 40 Minuten.

Mit Rivastigmin (Exelon®) traten nach zweijähriger Therapie in einer Studie Stimmungsstörungen und Halluzinationen seltener auf als mit Placebo. Die Arznei ist auch als transdermales Pflaster erhältlich. Damit treten Übelkeit und Schwindel seltener auf als mit oraler Rivastigmin-Therapie, und die Alltagskompetenz bleibt nach Studiendaten stabiler.

Psychopharmaka sollten bei Verhaltensproblemen nur kurzfristig und nur dann angewandt werden, wenn psychosoziale Interventionen und Antidementiva nicht ausreichen. Sind Psychopharmaka nötig, haben atypische gegenüber klassischen Neuroleptika den Vorteil, dass sie die Kognition kaum mindern.

Gangunsicherheit, Schwindel und auch Stürze sind damit seltener. In Studien linderte Risperidon (etwa Risperdal®) Aggressivität und Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus ähnlich gut wie Haloperidol und besser als Melperon. (mut)   

 

Quelle:  Aerztezeitung 22.07.11   

 

Fördert Stress Alzheimer?

MÜNCHEN (eb). Wer Stress hat, könnte anfälliger für Alzheimer sein. Forscher haben nach eigenen Angaben in Tierversuchen nachgewiesen, dass Stresshormone krankhafte Veränderungen in Nervenzellen bewirken, die womöglich die Demenz-Erkrankung fördern.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Universität von Minho in Braga (Portugal) haben festgestellt, dass sich im Gehirn von Ratten, die Stress ausgesetzt sind, zwei Proteine verändern (Journal of Neuroscience, 2011; 31(21):7840-7847).

Wie das Institut mitteilte, stieg in den Versuchen einerseits die Anzahl der neurotoxisch wirkendem Beta-Amlyoid-Proteine im Gehirn der Ratten, andererseits entstand übermäßig phosphoryliertes Tau-Protein.

"Beide Prozesse stehen am Anfang der Alzheimer-Erkrankung und sind Ausgangspunkt für die pathologischen Prozesse, die die Zerstörung von Nervenverbindungen und schließlich das Absterben der Nervenzellen verursachen", schrieb das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in einer Mitteilung.

Stress gar ein Auslöser?

Die Wissenschaftler vermuten nun, dass Stress ein Auslöser für Alzheimer sein könnte.

"Die Ergebnisse zeigen, dass Stresshormone und Stress das Tau-Protein wie bei Morbus Alzheimer verändern können", erklärte Dr. Osborne Almeida vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Er schließt daraus, dass Stress die Alzheimer-Erkrankung verschlimmert. Daher sollte Stress vermieden werden.

"Wer regelmäßig Stress ausgesetzt ist, könnte auf diese Weise anfälliger für Alzheimer werden. Dabei steigt die Anfälligkeit mit dem Alter", sagte Almeida.

Quelle:  Aerztezeitung 01.06.11   

 

"Es ist, als existiere man immer weniger"

Der Selbstmord von Gunter Sachs hat die Angst vor der Diagnose Alzheimer ins öffentliche Interesse gerückt. In vier neuen Büchern beschreiben Patienten ihr Leben mit der Krankheit. Die Erfahrungsberichte zeigen: Mit Alzheimer hört das Leben nicht auf.

Von Pete Smith

Die Diagnose Alzheimer ist für Betroffene oft schlimmer als Krebs. Einige treibt sie in den Suizid, wie jüngst Gunter Sachs, die meisten lässt sie verstummen. Wurde über Alzheimer bislang nur aus Sicht der pflegenden Angehörigen und Fachleute geschrieben, so melden sich seit kurzem immer häufiger Patienten selbst zu Wort.

Sie erzählen, was sie fühlen, denken oder hoffen und gewähren Einsichten, die unser Verständnis der Krankheit grundlegend verändern.

Wie fühlt sich Alzheimer an? "Als lebe man in einer Wolke", antwortet der niederländische Wissenschaftler René van Neer. "Jegliche Ordnung ist verschwunden." Und: "Es gibt nichts mehr, das einem Halt gibt. Es ist, als existiere man immer weniger."

Richard Taylor, ehemals Professor für Psychologie in den USA, formuliert es so: "Ich traue mir selbst nicht mehr über den Weg und weiß nicht, ob ich sage, was ich meine, und meine, was ich sage."

Beide haben ein Buch über ihre Erfahrungen mit Alzheimer geschrieben. Während Taylor seine Innensicht in kurzen Essays artikuliert ("Alzheimer und Ich"), erhält René van Neer bei der Formulierung seiner Gedanken Hilfe von seiner Tochter Stella Braam ("Ich habe Alzheimer").

Taylor weinte "drei Wochen lang Tag für Tag", als er, 58-jährig, die Diagnose erfuhr. Van Neer blieb, zumindest nach außen, gelassen. "Na, zum Glück ist es kein Gehirntumor", meinte der 74-Jährige, um später hinzuzufügen: "Alzheimer ist ein Abenteuer. Ich lasse mich darauf ein."

Worunter leiden Betroffene am meisten? "Mein größtes Problem ist, dass ich nicht sprechen kann", antwortet der US-Journalist Bill. "Das ist wirklich hart. Ich kann Gedanken entwickeln, sie aber nicht äußern. Ich fange Sätze an und weiß nicht, wie ich sie zu Ende bringen soll."

Bill ist einer von sieben Patienten, die Lisa Snyder für ihr Buch "Wie sich Alzheimer anfühlt" befragt hat. Snyder arbeitet im Shiley-Marcos Alzheimer's Disease Research Center der University of California in San Diego.

Von Bea, einer weiteren Interviewpartnerin, erhielt Snyder die Antwort: "Das Schlimmste für mich ist, mir morgens meine Hose anzuziehen." Booker, 82, machen die Reaktionen seiner Umwelt zu schaffen: "Wenn ich etwas vergesse, möchte ich freundlich behandelt werden. Unfreundlichkeit ruft Widerstand hervor."

Alzheimer-Patienten sind schwierig: aggressiv, verstockt, unruhig und nervig. Das ist die Sicht von so manchem Angehörigen, Pfleger oder Arzt. Dass viele ihrer Reaktionen geradezu provoziert werden, wissen nur die Betroffenen selbst.

Als größtes Problem empfinden sie die Bevormundung: Die "Gesunden" wissen alles besser! Sie bestimmen, da sich viele Patienten ja nicht verständlich machen können - jedenfalls nicht in der Zeit, die man ihnen dafür zugesteht. So kommt es vor, dass Ärzte, Pfleger und Angehörige Entscheidungen treffen, die an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbeigehen, und über Patienten sprechen, als wären sie gar nicht da. Und dann wundern sie sich über trotzige Reaktionen.

"Man wird behandelt wie ein Kind", bringt es Helen Merlin in einem Gespräch mit der Journalistin Beate Lakotta auf den Punkt. Lakotta hat gemeinsam mit anderen Autoren ein Buch zum Thema "Demenz - was wir darüber wissen, wie wir damit leben" herausgebracht und dafür unter anderem mit Betroffenen der Alzheimer Gesellschaft München gesprochen.

"Wenn die Demenz anerkannt würde als Behinderung, dann würde ich unterstützt und integriert", so Merlin, die an Lewy-Körperchen-Demenz leidet. "Dann würde ich mich auch outen. Aber so ist es nur ein Stempel: Die können nichts mehr! Dabei kann ich noch viel."

Einige Patienten stehen noch im Beruf, andere managen daheim ihren Alltag allein. Mit Alzheimer hört das Leben nicht auf: Das ist die vielleicht bedeutendste Botschaft der vielen Erfahrungsberichte. Alzheimer lässt auch Freuden zu, Alzheimer ist nicht nur Verlust, sondern Gewinn. "Man wird milder mit sich", schreibt Helen Merlin. "Ich freue mich über alles, was ich gut mache."

Richard Taylor hat erfahren, dass sich die Beziehungen zu seiner Familie und seinen Freunden durch die Krankheit vertieft haben: "Wir verbringen ganz bewusst mehr Zeit miteinander. Wenn wir zusammen sind, reden wir mehr, wir umarmen uns öfter, wir weinen öfter und lachen öfter, lauter und länger."

Bill schließlich empfindet das Leben mit Alzheimer ungezwungener als das Leben ohne: "Ich habe Spaß an Dingen, die Kindern Spaß machen. Ich werde nicht mehr zur Verantwortung gezogen wie früher. Ich kann machen, was ich will."

Literatur :
Stella Braam: Ich habe Alzheimer. Wie die Krankheit sich anfühlt. Beltz. Weinheim 2011. 192 Seiten. 17.95 Euro.

Lisa Snyder: Wie sich Alzheimer anfühlt. Verlag Hans Huber. Bern 2011. 224 Seiten. 22.95 Euro.

Annette Bruhns, Beate Lakotta, Dietmar Pieper (Hrsg.): Demenz. Was wir darüber wissen, wie wir damit leben. DVA. München 2010. 304 Seiten. 19.99 Euro.

Richard Taylor: Alzheimer und Ich. Leben mit Dr. Alzheimer im Kopf. Verlag Hans Huber. Bern 2010. 261 Seiten. 22.95 Euro

Quelle:  Aerztezeitung 23.5.11                                                                                                  

 

Antidementiva reduzieren die Morbidität von Alzheimer-Patienten

Antidementiva können die Lebensqualität erhöhen und die Morbidität senken - doch werden sie in Deutschland nach wie vor zu selten verabreicht und zu gering dosiert.

FRANKFURT/MAIN (mut). Nach der aktuellen S3-Leitlinie zu Demenzen sollten Alzheimer-Patienten in höchster zugelassener Dosierung und fortlaufend mit Antidementiva behandelt werden. Dies sei in Deutschland aber immer noch nicht die Regel, hat Professor Lutz Frölich vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim berichtet.

So erhalten hierzulande nach Daten einer 2010 publizierten Studie nur etwa 31 Prozent der von Hausärzten betreuten und 52 Prozent der von Fachärzten betreuten Alzheimer-Kranken eine spezifische antidementive Therapie.

Auch würden die Patienten meist nicht fortlaufend behandelt, und die Therapie erfolge häufig nicht in einer ausreichenden Dosierung, so Frölich auf einer Veranstaltung des Unternehmens Janssen-Cilag in Frankfurt am Main.

Ein Lichtblick immerhin: Von den 70- bis 80-jährigen Alzheimer-Patienten erhalten etwa 60 Prozent Antidementiva, aber sowohl bei jüngeren als auch älteren Patienten werden wesentlich seltener Medikamente gegen die Demenz verordnet, ergänzte Professor Matthias Riepe von der Universität Ulm. Ein Grund für die schlechte Versorgung sei offenbar auch, dass die Gesellschaft weiterhin ihren Fokus auf einer Reduktion der Mortalität lenke.

So werden etwa für die Behandlung von 1,3 Millionen Krebspatienten in Deutschland pro Jahr 14,5 Milliarden Euro ausgegeben, für die Behandlung einer ähnlich großen Zahl von Demenz-Patienten dagegen nur 4,5 Milliarden - und das hauptsächlich für Pflegemaßnahmen.

Gerade bei sehr alten Menschen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten bei der verbleibenden Lebenserwartung allerdings wenig geändert, hier komme es folglich vor allem darauf an, die Morbidität zu reduzieren und die Lebensqualität zu erhöhen - und dabei könnten Antidementiva einen wichtigen Beitrag leisten.

Riepe wies darauf hin, dass sich in Studien mit dem Cholinesterase-Hemmer Galantamin (Reminyl®) die Aufnahme in ein Pflegeheim um zwei Jahre verzögern ließ, zudem wurde der Pflegeaufwand um etwa sieben Stunden pro Woche reduziert, die Patienten kamen im Alltag besser zurecht als ohne Medikation, und Verhaltensstörungen nahmen deutlich ab, wohingegen sich solche Störungen unter Placebo verstärkten. Dies zeige, dass sich die Morbidität unter einer Behandlung mit Antidementiva senken lasse.

Wenn, wie zu erwarten, ab Ende dieses Jahres die ersten generischen Cholinesterase-Hemmer auf den Markt kommen, dann sollten Ärzte berücksichtigen, dass eine Umstellung der bisherigen Medikation sowohl bei Patienten als auch bei Betreuern zu Verwechslungen und Verunsicherung führen kann, sagte Frölich.

Auch werde ein Wirkstoff in generischen Präparaten oft anders freigesetzt, was sowohl die Wirksamkeit beeinträchtigen als auch die Verträglichkeit verschlechtern könne. Der langfristige Einsatz von Originalpräparaten vermeide zudem Verunsicherung und Verwechslungen bei Betreuern und Patienten.

Quelle: Ärztezeitung, 25.03.2011  

 

Bessere Unterstützung für pflegende Angehörige ist dringend nötig

Die Unterstützung pflegender Angehöriger war das Thema des Pflege-Dialogs, zu dem Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler am 14. Februar 2011 eingeladen hatte. Mehr als 2,2 Millionen Menschen sind derzeit pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Etwa zwei Drittel von ihnen werden von Angehörigen zu Hause gepflegt, zumeist von (Ehe-)partnern und Töchtern. Dies gilt auch für die 1,2 Millionen Demenzkranken in Deutschland, von denen nur ein Teil Leistungen der Pflegeversicherung erhält.  

Dazu sagte Heike von Lützau-Hohlbein, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: „So wichtig dieser Dialog ist, so verliere ich doch langsam die Geduld. Seit 2009 liegen sorgfältig ausgearbeitete und abgestimmte Vorschläge einer Expertenkommission zur Reform der Pflegeversicherung auf dem Tisch. Diese Vorschläge sehen etwa vor, dass der besondere Betreuungs- und Pflegebedarf Demenzkranker im Rahmen der Pflegeversicherung anerkannt wird. Dies muss endlich umgesetzt werden.“

Im Einzelnen sagte Heike von Lützau-Hohlbein zur notwendigen Entlastung pflegender Angehöriger: „Als Selbsthilfeorganisation kennen wir die besonderen Belastungen pflegender Angehöriger, und das sind oft 80-jährige Ehefrauen. Der ‚24-Stunden-Tag’ ist sprichwörtlich geworden. Deshalb fordert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft eine am individuellen Bedarf orientierte, wohnortnahe und bezahlbare Entlastung pflegender Angehöriger. Pflegende haben schon jetzt einen Anspruch auf Kurzzeit- und Verhinderungspflege, wenn sie krank sind oder Erholung brauchen. Doch dieser Anspruch muss flexibler genutzt werden können, und wir brauchen mehr geeignete Angebote. Kuren für Angehörige und Pflegebedürftige müssen ermöglicht werden, ähnlich wie Mutter-Kind-Kuren. Ferner muss Pflegezeit angemessen bei den Rentenansprüchen angerechnet werden“.

 

Quelle:  Pressemitteilung Deutsche Alzheimergesellschaft, 15.02.2011

 

+++ Zu wenig Rente für die Pflege zuhause +++


Seit 1995 erwerben Menschen, die pflegebedürftige Angehörige zuhause versorgen, Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Viel zu wenig allerdings, wie Experten beklagen. Auf nicht einmal 40 Euro zusätzliche Monatrente kommen Betroffene im Durchschnitt. Wenig, wenn man bedenkt, dass pflegende Personen – in der überwiegenden Mehrzahl Frauen – im Regelfall auf einen bezahlten Job verzichten, mit dem sie deutlich höhere Rentenansprüche erwerben könnten.

Im Durchschnitt drei Jahre werden Pflegebedürftige vom Angehörigen versorgt, das zeigt eine aktuelle Studie der der Deutschen Rentenversicherung Bund. Für jedes Jahr, in dem man einen Angehörigen pflegt, gibt es zurzeit zwischen 6,94 Euro und 20,83 Euro Monatsrente, in Ostdeutschland zwischen 6,10 Euro und 18,30 Euro. Die genaue Bewertung von Pflegezeiten für die Rente richtet sich nach dem zeitlichen Pflegeumfang und der Pflegestufe des Pflegebedürftigen. Rentenansprüche erwirbt man einen Angehörigen mindestens 14 Stunden pro Woche in der häuslichen Umgebung pflegt. Die unentgeltlich pflegende Person muss einen Antrag bei der Pflegekasse stellen, die zahlt die Beiträge dann in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Voraussetzung ist allerdings, dass der Pflegebedürftige überhaupt Leistungen aus der Pflegeversicherung beanspruchen kann. Wer mehr als 30 Stunden in der Woche eine Erwerbsarbeit ausübt und nebenher Angehörige pflegt, erwirbt keine zusätzlichen Rentenansprüche.

Experten empfehlen Menschen, die über längere Zeit Angehörige zuhause pflegen und keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen können, unbedingt eine ergänzende private Altersvorsorge abzuschließen. Das kann z.B. auch eine private Rentenversicherung, die es in der Riester- oder Rürup-Variante auch mit staatlicher Förderung gibt. Wer als Pflegender selbst schon nah am Rentenalter steht und noch keine ausreichenden Ansprüche auf gesetzliche Rente erworben hat, kann sich auch mit einer einmaligen Zahlung eine lebenslange Privatrente sichern.                                               

Quelle: Money Times, 16.02.2011   

 

Deutschlands größter Pflegedienst
in der Krise

Immer weniger Menschen in Deutschland sind bereit, ihre Angehörigen rund um die Uhr zu betreuen. Das habe massive Konsequenzen für das System der Pflegeversorgung, warnen Verbände.

Von Thomas Hommel

Deutschlands größter Pflegedienst in der Krise

Die Pflege eines nahen Verwandten: Nur noch 18 Prozent der Bundesbürger sind bereit, das rund um die Uhr zu übernehmen.© Sven Simon / imago

BERLIN. Die Zahl pflegender Angehöriger in Deutschland ist nach Angaben des zur PKV gehörenden Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) deutlich gesunken. Nur noch knapp über 18 Prozent der Bundesbürger seien heute grundsätzlich bereit, einen Partner oder nahen Angehörigen im Pflegefall rund um die Uhr zu betreuen, sagte Zentrumsleiter Dr. Ralf Suhr der "Ärzte Zeitung".

Vor fünf Jahren hätten sich noch 35 Prozent der Deutschen entsprechend geäußert. "Diese Entwicklung muss nachdenklich stimmen."

Neben ganz persönlichen Gründen, so Suhr, seien der Wandel traditioneller Familienstrukturen und erhöhte Mobilitätsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt Ursachen für die rückläufige Zahl pflegender Angehöriger. "Die Eltern leben in Münster oder Bielefeld, die Kinder in München oder Freiburg - aus der Ferne die Pflege der Eltern oder Großeltern zu organisieren, ist kaum möglich."

Das Wegbrechen des größten Pflegedienstes in Deutschland würde das System der Pflegeversorgung aber vor massive Probleme stellen. Derzeit gibt es in Deutschland etwa 1,5 Millionen pflegebedürftige Menschen -Kranke, Alte oder Menschen mit Behinderung -, die zu Hause in den eigenen vier Wänden von Familienmitgliedern gepflegt werden.

Hinzu kommen 2,5 Millionen Hilfebedürftige, die zwar häusliche Betreuung benötigen, aber keine Leistungen der Pflegeversicherung erhalten.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat für dieses Jahr eine Pflegereform angekündigt, mit der er auch die Situation pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen verbessern will (wir berichteten).

An diesem Montag trifft sich Rösler in Berlin mit Pflege- und Sozialverbänden, um über die Belange pflegender Angehöriger zu beraten.

Die Erwartungen sind groß. Vor allem die Betreuung Demenzkranker in der Familie muss nach Ansicht der Sozialverbände besser honoriert werden. Da viele an Demenz erkrankte Menschen bislang keine Pflegestufe zuerkannt bekämen, erhielten die Angehörigen kein Pflegegeld, kritisierte die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, im Vorfeld der Pflegegespräche bei Rösler.

Maximal 200 Euro im Monat könnten derzeit aus der Pflegekasse bezahlt werden. "Für eine oft 24 Stunden notwendige Versorgung ist das so gut wie nichts."

Die Bundesregierung sei aufgerufen, so Mascher, pflegende Angehörige bei der Pflegereform angemessen zu berücksichtigen. "Wer die Pflege behinderter und älterer Menschen sicherstellen will, muss Familien entlasten, unterstützen und beraten."

Der Forderungskatalog des VdK ist lang: Anspruch auf Pflegezeit analog zum Elterngeld inklusive Rückkehrrecht in die Vollzeiterwerbstätigkeit, Anhebung der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige, um pflegende Frauen vor Altersarmut zu schützen, sowie eine rasche Anhebung und Dynamisierung des Pflegegelds in Höhe der Inflationsrate. Erfolge die Anpassung nicht, "würden immer mehr Menschen in einen pflegebedingten Sozialhilfebezug abrutschen".

Rösler hat bereits signalisiert, die häusliche Pflege zu stärken und den Angehörigen mehr Unterstützung auch finanzieller Art zukommen zu lassen. Alle von den Sozialverbänden vorgetragenen Forderungen wird er aber nicht umsetzen können, da dafür das Geld der Sozialkassen nicht reicht. Experten wie ZQP-Leiter Suhr sehen denn auch nicht nur die Politik, sondern auch die Unternehmen in der Pflicht.

Sie müssten verstärkt über flexible Arbeitszeitmodelle nachdenken, um pflegenden Angehörigen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Kassen, Ärzte und professionell Pflegende wiederum müssten Angehörige deutlich mehr über bereits bestehende Unterstützungsangebote wie etwa Beratung, Kurzzeitpflege und ähnliches informieren, so Suhr.

Quelle:  Aerztezeitung 12.02.11 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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